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Nur ganz kurz und schnell...
Ich will die Branche auch keineswegs idealisieren. Sie hat Schwächen, namentlich in der öffentlichen Präsentation ihrer Forschungsgegenstände. Es hat schon seinen Grund, daß in der Öffentlichkeit Scharlatane wie Heer, Heinsohn, Goldhagen oder Schultze-Rhonhof Gehör finden. Es sind bundesdeutsche Wissenschaftler, sie sind, wenn sie nicht gerade Lehrstuhlinhaber sind, in vielfältige Abhängigkeiten eingebunden, es sind in der Regel keine mutigen Menschen, deren Sache es wäre, gegen Medienkampagnen anzustreiten. Immerhin, die Wehrmachtsausstellung ist dann ja doch noch von einem Fachhistoriker (Musial) zerschossen worden, wenn auch von einem außergewöhnlich mutigen. Es fehlt diesen Leute oft auch der Mut und die Substanz zum großen literarischen Schlag. Zu Kaisers Zeiten war es gang und gäbe, daß beispielsweise ein Mediävist auch für die breitere Öffentlichkeit bestimmte Gesamtdarstellungen veröffentlicht hat: "Die Staufer." "Geschichte der Hanse in zwei Bänden." "Geschichte der Kreuzzüge." Heute in der Form undenkbar, jedenfalls in Deutschland, in der Anglophonie gibt's das noch eher mal. Und das liegt nicht nur an der Unüberschaubarkeit der Literatur, sondern auch am Denkstil, geradezu an der Lebensauffassung des Metiers. Es gibt unter den Fachhistorikern kaum noch die großen Platzhirsche, die in der Lage wäre, den gesellschaftlichen Diskurs zu bestimmen. Schon ein Werk wie die Doppelbiographie von Bullock hätte nicht in D geschrieben werden können. Dafür gibt es im Mittelbau viel zu viele kleine Häkchen, die sich ihr Lebtag mit ein, zwei zeitgeistigen Mickerthemen ("Britische WW2-Kriegsgefangene in Deutschland", "Binnenmigration in Angola") befaßt haben. Außerdem hat sich auch in der Fachwissenschaft nach 1968, es sei zugegeben, jede Menge Unfug (Gender-Quatsch, "Oral History" etc.) festgesetzt. Klar, das wird eben politisch gefördert. (In großer Eile...) |
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Nur der Vollständigkeit halber:
Aktuell gibt es bei der JF einen Artikel, der den Mölders-Skandal nochmals rekapituliert. Neues findet sich nicht, bis auf den Vorwurf an die deutschen Bischöfe, zu einer verunglimpfenden Beurteilung der Katholiken in ihrer Gesamtheit, einschließ Mölders, durch das MGFA nicht Stellung genommen zu haben. Der Autor ist Generalleutnant a.D. und wagt es sich kritisch zu Bundestag und Minister zu äußern. Mal sehen ob sich auch in diesem Fall irgendein roter Hinterbänkler mit der Forderugn anch Degradierung und Pensionsentzug zu Worte meldet. http://www.jungefreiheit.de/Single- ... y.154+M5fdfbdf558d.0.html Lady Basildon: Ah! I hate being educated! Mrs. Marchmont: So do I. It puts one almost on a level with the commercial classes, doesn't it? -- ![]() |
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Zitat:
Schultze-Rhonhof Weder ist das ein Scharlatan, noch findet er "in der Öffentlichkeit" Gehör. Shantih, shantih, shantih. |
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Manchmal funktionierte die Umerziehung. Ein älterer Freund hat mir mit Tränen in den Augen erzählt wie er, 1945 fanatischer Hitlerjunge und Wehrwolf-Aspirant im Mai 45 eine Ludwigshafener Kaserne besuchte, in der jetzt der Feind hauste. Es war warm, die Fenster standen offen und die Musik war auf der Straße zu hören: Swing. "Du kannst mir glauben oder nicht", so der Freund. "Ich stand da und hörte zu und plötzlich war es, als ob es die ganze Hitlerei nie gegeben hätte."
Wenn sie überhaupt funktioniert hat, die Umerziehung, dann auf diese Weise. Übrigens wurden die Jazzklubs in den 50ern zu den ersten Zentren einer neuen, zumindest kulturellen, Opposition. |
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Schrenck-Notzing z.B. macht den Fehler, Entnazifizierung und Re-Education in einen Topf zu werfen. Dabei waren Sozialpsychologen wie Kurt Levin, die im Auftrag der Militärregierung die Umerziehung besorgen sollten, Gegner der Entnazifizierung - war diese doch der Versuch, die Böcke von den Schafen zu scheiden. Nicht zufällig setzte die Diskussion um deutsche Kollektivschuld im selben Moment ein, da die Entnazifizierung, als "Mitläuferfabrik" diskreditiert, eingestellt wurde.
Die Bewerber um Presselizenzen mußten sich bei Dr. Levin in Bad Orb auf die Couch legen. Wie am nach Frankfurt heimgekehrten Institut für Sozialforschung der jüngste deutsche U-Boot-Kommandant des Zweiten Weltkrieges Adornos Assistent wurde, so lag auf Dr. Levins Couch mancher frühere Pk-Berichter (Henri Nannen), Nachrichtenoffizier (Augstein), HJ-Führer oder SD-Mann. Augstein beschäftigte beim SPIEGEL dann zwei frühere Mitarbeiter des SS-Gruppenführers und Medienwissenschafters Prof.Dr. Franz Alfred Six, die 1950 in einer Artikelserie für die Übernahme ehemaliger Kriminalisten des Reichssicherheitshauptamtes in das neugeschaffene BKA stritten. Eine Kampagne gegen jüdische Kaffeeschmuggler aus bayerischen DP-Lagern, die dem SPIEGEL eine Strafanzeige durch den Vorsitzenden des Landesverbands jüdischer Gemeinden in Bayern einbrachte, ging ebenfalls auf das Konto jener beiden wackeren Kanoniere am "Sturmgeschütz der Demokratie". Wie erfolgreich die re-education der ersten Nachkriegsjahre war, läßt sich an der Tatsache ermessen, daß speziell die "liberalen" Presseorgane (ZEIT, SPIEGEL), kaum daß die Herausgeber ihre Lizenzen in der Tasche hatten, aufs heftigste gegen - April, April - Entnazifizierung und Umerziehung anzustänkern begannen. Augsteins Polemik wurde zuzeiten so heftig, daß die britische Militärregierung sich zum Einschreiten gewungen sah und einige Ausgaben des SPIEGEL aus dem Verkehr zog. Erst als die Deutschen selbst sie in die Hand nahmen, zeigte die re-education Wirkung. Eine Umerziehung, die ihren Namen verdient, setzte nicht früher als 1960 ein. Von Coriolan am So, 25.11.2007, 3:21, bearbeitet, (1x) |
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Oh, woher stammen denn diese Informationen?
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DER SPIEGEL, Ausgabe vom 02. Februar 1950:
Die achtzehnte Fortsetzung der Serie "Das Spiel ist aus - Arthur Nebe, Glanz und Elend der deutschen Kriminalpolizei" Für Augstein war Nebe ein "ängstlicher, anständiger, ehrgeiziger Beamter, der vor der Gewalt zurückwich, bis er sich selbst nicht mehr ins Gesicht schauen konnte". "Arthur Nebe ist tot. Aber die Gewalt ist mächtiger denn je. Wir sind alle kleinere oder größere Nebes". Die Serie des ungenannten Autors führe doch, so Augstein, "den heutigen Polizei-Verantwortlichen vor Augen, daß die Kriminalpolizei (...) auf ihre alten Fachleute zurückgreifen muß, auch wenn diese mit einem SS-Dienstrang angeglichen worden waren". Augstein nennt einige positive Beispiele: "Wer auf Vernunft stieß", der sei "schon wieder Kripo-Leiter". Andere SS-Sturmbannführer aber müßten, so klagt er, noch immer warten. In Bonn hätten sich die Parteien schon beim Aufbau des Bundeskriminalamtes eingeschaltet, beschwert sich Augstein und fügt hinzu: "Bleiben die Angeglichenen ausgeschaltet, ist mehr Raum für Partei-Kriminalisten. Traun fürwahr". Im guten Kampf gegen Parteibuchbeamte sollen Beamte, die alle nur das eine Parteibuch hatten, den Sieg davontragen.
Der Autor der Nebe-Serie, auf die Augstein mit seinen Kommentaren bezugnahm, blieb damals ungenannt. Doch 1981 war bei Helmut Krausnick ("Die Truppe des Weltanschauungskrieges") nachzulesen, daß es der in der Serie mehrfach (selbst)rühmend erwähnte Bernhard Wehner war: SS-Hauptsturmführer im Amt V des Reichssicherheitshauptamtes, nach dem Krieg Leiter der Düsseldorfer Kriminalpolizei und für den SPIEGEL Serienheld und Serienautor zugleich.
2. Teil folgt Von Coriolan am So, 25.11.2007, 19:28, bearbeitet, (1x) |
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Die beiden Mitarbeiter Augsteins, die, indem sie den illegalen Kaffeehandel über die tschechisch-deutsche Grenze aufs Korn nahmen, dem SPIEGEL eine einstweilige Verfügung einhandelten, hießen Horst Mahnke und Georg Wolff.
Zu beiden Personen existieren WIKIPEDIA-Einträge: http://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Mahnke http://de.wikipedia.org/wiki/Georg_Wolff Wolff beendete seine Laufbahn als stellvertretender Chefredakteur beim SPIEGEL. Ausgerechnet der ehemalige SS-Hauptsturmführer Wolff trat in den siebziger Jahren die Rufmordkampagne gegen den Historiker Helmuth Diwald los. Armin Mohler schrieb hierzu (in einem Privatbrief):
Zitat:
Ich hatte gerade einen Artikel über die von Georg Wolff im Spiegel gestartete Kampagne gegen Diwald geschrieben.Ich sagte dort, daß ein SS-Hauptsturmführer wie Wolff, und SD-Mann, nicht das Recht habe, sich eine weiße Weste zu verschaffen, indem er Diwald, Jahrgang 1929, in das braune Ghetto stößt. Sie, mit der gleichen Vergangenheit, haben das gleiche getan. Das ist einfach widerlich. ... Die ,bekehrten‘ Nazis mit dem gebrochenen Rückgrat sind eine Pest; sie kriechen am Boden herum und suchen denen, die noch aufrecht gehen, die Fußsehnen durchzuschneiden. ... Das mußte ich Ihnen leider sagen... Ich glaube, man versteht nichts von der Mentalitätsgeschichte der alten Bundesrepublik, ihren Debatten und Skandalen, solange man nicht das Bedürfnis gewendeter Nazis, sich auf Kosten anderer eine reine Weste zu verschaffen, in Rechnung stellt.
Zitat:
Der Zusammenbruch von 1945 hat die Gestalt des heimatlosen Nationalsozialisten geschaffen so wie das Ende der "zweiten Revolution" 1923 die Gestalt des heimatlosen Linken. Der Nationalsozialist hatte sich einer Erweckungsbewegung ("Deutschland erwache !") angeschlossen, die ihn aus der Banalität des politischen Getriebes heraus- und in den gesteigerten Augenblick des "Tausendjährigen Reiches" hineinführte. Er mußte 1945 auf den Führer, wollte aber nicht auf Steigerung und erhöhte Bedeutung verzichten. Diesem Bedürfnis kommen die grandiosen Panoramen der Tiefenpolitik entgegen. So ist die Bewältigung der Vergangenheit in vielem eine innerparteiliche Auseinandersetzung, in der Teile der ehemaligen NSDAP, die glauben, durch Trauerarbeit und Wandlung neue Ufer erreicht zu haben, auf andere Teile losgehen, in denen sie Verstocktheit und Festhalten am alten Adam wittern. Als Aggressionsziel wählen sie nicht selten Männer, die sich verdächtig machen, weil sie aus einem anderen Erlebniszusammenhang als dem nationalsozialistischen kommen und daher die Reaktionseigentümlichkeiten der NS-Erlebnisgruppe nicht teilen. Diese Männer werden dann post festum zu "Nazis" geschminkt. (aus: Caspar v. Schrenck-Notzing; Zukunftsmacher - Die Neue Linke in Deutschland und ihre Herkunft, Stuttgart 1968, S.163 - ein tolles Buch übrigens, das sich ab 2 € gebraucht bei amazon erstehen läßt - Coriolan) |
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Jep, danke, Coriolan, für die Erläuterungen und Klarstellugen. Intereressant.
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Danke, ein interessanter Hinweis auf eine (mir) recht unbekannte Episode aus der frühen Bundesrepublik.
Lady Basildon: Ah! I hate being educated! Mrs. Marchmont: So do I. It puts one almost on a level with the commercial classes, doesn't it? -- ![]() |
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Nur weil sie vor 45 an Hitler glaubten, waren sie nach 45 noch lange keine "heimatlosen Nationalsozialisten". Das suggeriert ein wenig, als könne man aus einer solchen nationalen Katastrophe nichts lernen. Man konnte aber. Zum Beispiel, dass man 12 Jahre lang einem Lumpen hinterher gelaufen war. Mit welchen Ergebnis hatte man in den deutschen Städten direkt vor Augen. (Natürlich konnte man sich auch darauf konzentrieren als "heimatloser Nationalsozialist" den Bombenterror der Alliierten als Kriegsverbrechen anzuklagen, aber das schaffte die Ruinen nicht weg.) Die Nation lag danieder und daran trug man Mitverantwortung. Also musste man doch dazu beitragen, ihr wieder auf die Beine zu helfen. Insofern ein ganz natürlicher Impuls.
Diesem Impuls kam man von Seiten des neuen Regimes entgegen. Sogar im Osten Deutschlands. Sowohl Ulbricht als auch Adenauer wussten, dass sie die Fähigkeiten ehemaliger Anhänger des alten Regimes brauchten, vor allem der jungen und davon gab es viele. Ulbricht ließ sogar eine eigene Partei für sie schaffen, die Nationaldemokratische Partei (NDP). Nicht ohne Erfolg. Mein Großvater, früherer Freikorps-Kämpfer, auch ein ehemaliger, kein heimatloser Nationalsozialist hat mir gesagt: Es ist wahr. Diejenigen, die am lautesten "Deutschland" schreien, haben dafür gesorgt, dass es immer kleiner wurde. |
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Nur weil sie vor 45 an Hitler glaubten, waren sie nach 45 noch lange keine "heimatlosen Nationalsozialisten". Das suggeriert ein wenig, als könne man aus einer solchen nationalen Katastrophe nichts lernen. Man konnte aber. Zum Beispiel, dass man 12 Jahre lang einem Lumpen hinterher gelaufen war. Mit welchen Ergebnis hatte man in den deutschen Städten direkt vor Augen. (Natürlich konnte man sich auch darauf konzentrieren als "heimatloser Nationalsozialist" den Bombenterror der Alliierten als Kriegsverbrechen anzuklagen, aber das schaffte die Ruinen nicht weg.) Die Nation lag danieder und daran trug man Mitverantwortung. Also musste man doch dazu beitragen, ihr wieder auf die Beine zu helfen. Insofern ein ganz natürlicher Impuls.
Diesem Impuls kam man von Seiten des neuen Regimes entgegen. Sogar im Osten Deutschlands. Sowohl Ulbricht als auch Adenauer wussten, dass sie die Fähigkeiten ehemaliger Anhänger des alten Regimes brauchten, vor allem der jungen und davon gab es viele. Ulbricht ließ sogar eine eigene Partei für sie schaffen, die Nationaldemokratische Partei (NDP). Nicht ohne Erfolg. Mein Großvater, früherer Freikorps-Kämpfer, auch ein ehemaliger, kein heimatloser Nationalsozialist hat mir gesagt: Es ist wahr. Diejenigen, die am lautesten "Deutschland" schreien, haben dafür gesorgt, dass es immer kleiner wurde. |
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Nicolas hat geschrieben:
Nur weil sie vor 45 an Hitler glaubten, waren sie nach 45 noch lange keine "heimatlosen Nationalsozialisten". Das suggeriert ein wenig, als könne man aus einer solchen nationalen Katastrophe nichts lernen. Man konnte aber. Zum Beispiel, dass man 12 Jahre lang einem Lumpen hinterher gelaufen war. Ich denke, das ist eine wichtige Bemerkung. Nur wer seine eigene Sichtweise niemals zu ändern bereit ist, wird davon ausgehen, jede Einsicht in einen Irrtum geheuchelt ist. |
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Niemand behauptet, daß alle ehemaligen Nationalsozialisten sich in der geschilderten Weise verhalten hätten. Zuallerletzt aber bestreitet Schrenck-Notzing irgendjemandem das Recht, dazuzulernen.
Wer freilich erst unter dem Eindruck der totalen Niederlage "dazugelernt" hat, sollte seine innere Umkehr nicht zum Signum moralischer Überlegenheit stilisieren. Genau das taten in den ersten vier Jahrzehnten deutscher Nachkriegsgeschichte allzuviele. Unter den Verleumdern von Franz-Josef Strauß war mancher in Unehren ergraute Hitlerjunge. Worum es hier wirklich geht, ist das Überdauern einer bestimmten psychopolitischen Konstitution unter radikal veränderten Bedingungen, und die Art und Weise, in der die Träger derselben, ihre speziellen ideologischen und politischen Bedürfnisse, das öffentliche und geistige Klima der jungen Bundesrepublik beeinflußten. Der Fall Grass hat auf diese Zusammenhänge ein kurzes, aber grelles Schlaglicht geworfen. Vielleicht hätte man sich bei Gelegenheit der Grass`schen Enthüllungen seines 47er Kollegen Alfred Andersch entsinnen sollen, der sich selbst eine lupenrein antifaschistische Vita einschließlich KZ-Haft und Desertion zusammenlog. In den 60ern publizierte Andersch den von kitschigem Philosemitismus nur so triefenden Roman "Ephraim" - heute weiß man, daß Andersch sich während des Krieges von seiner jüdischen Frau scheiden ließ, was für diese ein sicheres Todesurteil bedeutete. Die DDR-Propaganda richtete ihre Enthüllungen über die braune Vergangenheit bundesdeutscher Politiker, Industrieller und Militärs nur gegen solche Personen, die die Politik der Regierung Adenauer unterstützten (Globke, Lübke, Kiesinger, Gerstenmeyer, Heusinger). Die NS-Vergangenheit von Sozialdemokraten, aber auch die von bürgerlichen Nationalneutralisten, die für eine "Aussöhnung mit Rußland" eintraten (nichts gegen eine solche Aussöhnung !), blieb wohlweislich unbeleuchtet. So konnte der Eindruck erzeugt werden, die NS-Funktionsträgerklasse sei den "langen Weg nach Westen" angetreten, um Anlauf für einen neuen Ostlandritt zu nehmen. Wer die richtige Gesinnung bekannte, war vor peinlichen Enthüllungen sicher, wohingegen einen Gerhard Löwenthal nicht einmal seine Vergangenheit als Buchenwald-Häftling vor Nachstellungen und Diffamierungen schützte. |
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Coriolan hat geschrieben:
Worum es hier wirklich geht, ist das Überdauern einer bestimmten psychopolitischen Konstitution unter radikal veränderten Bedingungen, und die Art und Weise, in der die Träger derselben, ihre speziellen ideologischen und politischen Bedürfnisse, das öffentliche und geistige Klima der jungen Bundesrepublik beeinflußten. Und was habe ich mir unter einer psychopolitischen Konstitution im allgemeinen und hier im besonderen vorzustellen? |
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