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Zufallsthema: Khmer (Rubrik: Politik)
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Pauls Überlegungen (vor allem aber nicht nur) zu Rußland

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konjunktiv 2 » Publikums-Rubriken » Feuilleton » Pauls Überlegungen (vor allem aber nicht nur) zu Rußland (95 / 9742)
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Paul
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D
606 – VI.06
vor 1435 Tagen: Do, 5.10.2006, 16:43 Kurz-URL Beitrag Nach oben
Von mir noch einige - leider etwas längere - Bemerkungen zu den aufgeworfenen Fragen.


1. Nochmals zu Polen

Polen hat, sicher aufgrund seiner geographischen Lage, vielleicht auch wegen seiner Mentalität, nur selten eine positive Rolle für Europa insgesamt gespielt. Mir fällt diesbezüglich eigentlich nur Sobieski in der Schlacht am Kahlenberg ein. Ansonsten hat dieser Staat seinen Nachbarn doch hauptsächlich Probleme bereitet: erst dem Deutschen Orden, dann Brandenburg-Preußen, ebenso den Russen (Stichwort: Thronfolger Dimitri, 1610).
Weiter in der Zwischenkriegszeit. Polen lag mit fast allen Nachbarstaaten im Clinch: mit Deutschland, der Sowjetunion, Litauen und sogar mit seinem Verbündeten, der Tschechoslowakei. Gebietsforderungen, Annektionen, Kriege …
Und, was fast noch schlimmer ist: Selbst wenn sie objektiv schwach sind, haben die Polen ein ungeheures Selbstbewußtsein, was m.E. – nicht nur unter der derzeitigen Regierung – ihre politische Urteilsfähigkeit erheblich beeinträchtigt.

Genauso nach dem Ende des Kalten Krieges. Wer hat schon 1991 eine Mitgliedschaft Polens in der NATO gefordert und dieses Ansinnen seither massiv unterstützt? Es war Deutschland, denn damals waren die USA noch sehr skeptisch gegenüber einer Osterweiterung der NATO. Aus deutscher Sicht sollte so die europäische Einigung sicherheitspolitisch abgestützt werden.
Und was ist der Dank dafür, daß Polen schon 1999 dem Militärbündnis beitreten konnte? Man fraternisiert nur noch mit den Amis und fällt damit den anderen Europäern in den Rücken, tut sich als Protektor der pro-westlichen Opposition in der Ukraine und Weißrußland hervor (auch mit dem Ziel, Rußland zu ärgern) und spielt ferner die Rolle der Domina im deutsch-polnischen SM-Studio. Der einzige Nachbar, mit denen man m.E. im Augenblick gut kann, ist Litauen: die Erinnerung an die polnische Okkupation des Wilnaer Gebiets wird überlagert durch das von beiden geteilte Erlebnis der sowjetischen Besatzung. Ähnliches gilt für die Tschechei.

Polen ist ein notorischer Unruhestifter. Im Vergleich dazu liest sich die Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen geradezu wie eine Wohltat. Und (ich wiederhole mich): Was kann uns Polen mehr geben – im Vergleich zu Rußland –, was wir nicht ohnehin bekommen würden?



2. Transatlantische "Freundschaft" und europäische "Einbindung"

Ein freundschaftliches Verhältnis zu den USA gehört zur Staatsraison der BRD – wie sollte es bei einem Kind dieser Besatzungsmacht auch anders sein.
Daß diese "Freundschaft" aber nicht nur auf geteilten Werten beruht, sondern ggf. auch mit Gewalt durchgesetzt wird, soll an einem Beispiel illustriert werden, welches in Detlef Balds 2005 erschienener Geschichte der Bundeswehr beschrieben wird. Anno 1968, auf dem Höhepunkt der Krise in der Tschechoslowakei, hat der Kommandeur einer BW-Division in Bayern wohl eigenständig (da Gefahr im Verzuge) seine Truppe alarmiert und in ein Verteidigungsdispositiv an der deutsch-tschechischen Grenze einrücken lassen, mit dem Ziel, ein evtl. Vorstoßen sowjetischer Einheiten in die BRD hinein zu verhindern. Da der verantwortliche US-General (alle Einsatzverbände der BW unterstehen permanent der NATO!) die Division über Funk zunächst nicht erreichen und zurückpfeifen konnte, ist in Großbritannien eine Staffel strategischer Bomber aufgestiegen – mit dem Auftrag, die "eigenmächtig" handelnden BW-Verbände ggf. zu zerschlagen.

So sieht also Freundschaft auf amerikanisch aus! Nicht einmal unmittelbare Landesverteidigung ist der BRD gestattet, wenn sich der Große Bruder nicht gütigerweise dazu herabläßt. :übel:

Auch das westeuropäische Militärbündnis, die meist im Schatten der NATO stehende WEU, hatte für die BRD so seine Tücken. Denn im WEU-Vertrag waren einseitige Rüstungskontrollmaßnahmen vorgesehen, die von den anderen Mitgliedern peinlichst genau überwacht worden sind. Vor dem westlichen Ausland liegt die BW da wie ein offenes Buch. Allerdings ist das - auch für mich nach wie vor wünschenswerte! - Ziel einer europäischen Verteidigung vor 1990 durch die WEU nicht einmal in minimalster Form erreicht worden.

Es bleibt festzuhalten: Deutsche Soldaten waren in Ost und West während des Kalten Krieges nichts weiter als Kanonenfutter für ihre jeweiligen "Schutzmächte". Weder BRD noch DDR waren souverän, um über ihre eigene Politik zu bestimmen. Insofern hat das ideologisierte Beharren auf der "Westbindung" für mich einen masochistischen Zug.



3. Achsenbildung

Harki hat geschrieben:
Gut, aber dann darf man es ihnen eben auch nicht verunmöglichen, sich als Europäer zu bekennen, indem man ihnen rüberwachsen läßt, daß man sie eh nur für Klumpatsch im ein anzustrebenden antiamerikanischen Allianz (Paris-)Berlin-Moskau hält. Und das wird übrigens auch Paris neimals auf Dauer mitmachen.


Soweit d'accord. Da sich Paris nie so eindeutig festlegen wird, ist eine einigermaßen dauerhafte Achsenbildung höchst unwahrscheinlich, auch wenn sie von einem Franzosen wie Henri de Grossouvre propagiert wird. (Ich bedaure dies allerdings.) Mithin sind auch alle Konzepte für einen „Kontinentalblock“ (Alexander Dugin) utopisch.

(Und, wie bereits oben ausgeführt, liegt m.E. die Bringschuld bei Polen. Man darf im derzeitigen Verhältnis zwischen beiden Staaten Ursache und Wirkung nicht miteinander verwechseln.)



4. Erbfeindschaft?

Zitat:
Europafern und europafremd, mehr noch, europafeind ist und bleibt Rußland. Sein moskowitischer Kern wird niemals europäisiert.

Harki hat geschrieben:
Nein, keine Erbfeindschaft, um Gottes Willen!


Ich habe dennoch den Eindruck, daß es bei vielen Deutschen (gerade auch Konservativen) eine instinktive Feindschaft gegen Rußland gibt. Wenn ich Zeit habe, werde ich dazu mal etwas zusammentragen, Beispiele gibt es genug – etwa aus der Paneuropäischen Bewegung oder von Gerhard Löwenthal. Ein guter Bekannter von mir hat in einer außenpolitischen Diskussion einmal bemerkt, in Afrika würden sich China und Rußland zuhauf Bodenschätze unter den Nagel reißen. Dies trifft auf China zweifellos zu, auf Rußland allerdings nicht. Scheinbar ist es einigen in Fleisch und Blut übergegangen, daß alles Schlechte, was auf dieser Welt geschieht, irgendwie mit den Russen zu tun haben muß. :crap:

Noch ein Exempel: Heinz Brill, ein deutscher Politologe und Stratege, den ich sehr schätze (auch weil er in der BW sicher ein Exot war). Vor ein paar Jahren (nach 1990!) reduzierte er in einer Studie die Variablen deutscher Außenpolitik auf Frankreich und die USA (sodaß ein Dreieck entstand). Sonach seien die europäische und die atlantische Orientierung auszutarieren, keine dürfe ein Übergewicht besitzen. So weit ein diskussionswürdiger Ansatz. Nur: Wo liegt in dieser Betrachtung Rußland? Das Verhältnis zu ihm wird offenbar als Konstante betrachtet, nur: konstant gut oder konstant schlecht? Braucht man Rußland doch als gemeinsamen Feind, um zusammenzuhalten?

Viele hatten das Glück, daß sich ihre Russophobie vor 1990 mit dem zu recht weitverbreiteten Antikommunismus verbinden konnte. Selbiger ist aber mittlerweile obsolet geworden. Also versucht man auf andere Weise, Rußland als Feind des "Westens" (der Demokratie, der Menschenrechte, des Kapitalismus, … blablabla) hinzustellen. Es ist auch erstaunlich, welche Unterstützung Figuren wie Jawlinski, Tschubais oder die diversen "Farbenrevolutionäre" gerade unter westeuropäischen Konservativen erhalten, während etwa Solschenizyn weitgehend erledigt zu sein scheint. Wie gesagt, vielen im Westen wird Rußland sofort unheimlich, sobald es keine strikt pro-westliche Politik und Unterwerfung (mehr) fährt. Diese Furcht ist m.E. aber durchaus irrational – was man von der russischen Politik indes nicht behaupten kann.



5. Sentimentalitäten

Harki hat geschrieben:
Aber meines Erachtens eben auch keine Sentimentalitäten (20er Jahre, 19 Jahrhundert.)

Sentimentalitäten. Gut: Sagen wir mal: Auch das kann seinen Sinn haben. Wenn es in D Denkrichtungen gibt, die an die alten Zeiten anknüpfen wollen, also an D mit R gegen West-Europa, dann ist das halt eine Tatsache. Eine Nischen-Tatsache und meines Erachtens ein fataler Irrweg.


Die Ostmystik, die Teile der KR befallen hatte, war in der Tat teilweise irrational und unpolitisch (wenn auch faszinierender als das heutige Fabulieren über eine "westliche Wertegemeinschaft") – ein Irrweg war sie allerdings nicht. Denn wo sie politisch-praktisch wurde, etwa bei der Zusammenarbeit der Reichswehr mit der Roten Armee oder bei den Geopolitikern (Haushofer, Niedermayer), hat sie diese Mängel abgestreift. D.h., das Plädoyer für eine enge Kooperation beruhte auf einer nachvollziehbaren Lageanalyse und war i.d.R. in einem gewissen Maß flexibel und nie nur einseitig (wie aber heute die "Westbindung") ausgerichtet.



6. Rußland und Europa

Ein schier unendliches Thema. ;)
Sicher ist Rußland als eurasischer Staat kein Teil Europas, weder geographisch noch kulturell (insoweit stimme ich Huntington zu). Allerdings steht es Europa weit näher als alle anderen Staaten Asiens (Ausnahme: Israel). Daher könnte es erstens als "Brücke" eine gewisse Verbindungsfunktion erfüllen und zweitens als regionale Ordnungsmacht im postsowjetischen Raum für Ruhe und Ordnung sorgen (denn eine zweite EU mit gleichberechtigter Zusammenarbeit usw. wird es dort nicht geben).

Das wäre auch meine "Vision" (ganz ins Unreine gesprochen). Ein recht friedliches Nebeneinander von „Großräumen“: Amerika (unter Führung der USA), Europa (Führung: Deutschland-Frankreich), Eurasien (Rußland), … Auf jeden Fall der one world unter einer – faktisch nicht gegebenen! – US-Hegemonie vorzuziehen.
Jetzt aber genug geträumt. Rauchen

Ferner: Mir ist schleierhaft, inwiefern die EU- und/oder NATO-Kandidaten Türkei, Albanien, Mazedonien, Rumänien, Bulgarien, Moldawien und Georgien zu "Europa" bzw. "dem Westen" gehören.



7. Diverses

Harki hat geschrieben:
Aber es kann ja bei aller Europa-Seligkeit (und ich bin *wirklich* begeisterter und überzeugter Europäer) auch nicht schaden, unsere lieben Freunde ab und zu ein wenig zu verunsichern.

So kann man das auch sehen. ;)

Harki hat geschrieben:
Aber wie gesagt: Ich bin und bleibe vor allem: Niedersachse, Deutscher, Europäer, Westler.

Meine Prioritäten: Preuße, Deutscher, Abendländer, Christ. :)


Von Paul am Do, 5.10.2006, 16:47, bearbeitet, (2x)
vor 1435 Tagen: Do, 5.10.2006, 16:43 Antworten mit ZitatNach unten
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vor 1435 Tagen: Do, 5.10.2006, 20:24 Kurz-URL Beitrag Nach oben
Ich sage erstmal nur zu Polen was - zu den anderen Sachen vielleicht später mehr.

Es liegt mir ferne, die Systematisierung eines Staates und/oder einer Nation als notorischer Unruhestifter aus moralischen Gründen zu verurteilen - ich finde sie aber sozusagen unpolitisch und geradezu unpreußisch. ;)

Man zeige mir die Nation oder Proto-Nation, das Staatswesen, das in der frühen Neuzeit nicht im Dauerstreit mit seinen Nachbarn gelegen hätte! Polen hatte da in den großen Tagen der Adelrepublik - als es gemeinsam mit Litauen ein Großreich war, das fast bis ans Schwarze Meer reichte und schonmal vor Moskau aufkreuzen konnte - allerdings erheblich größere Möglichkeiten als beispielsweise das Kurfürstentum Brandenburg.

Im späten 18. und im 19. Jahrhudert scheidet Polen als politisches Subjekt aus - kann also schon von daher wenig Unfrieden stiften, es sei denn Du wertest die großen Aufstände von 1830 und 1863 als so eine Art Hausfriedensbruch. ;)

Nach 1945 agiert Polen bis in die 1980er hinein ebenfalls nicht souverän. Bleibt die Zwischenkriegszeit. Und da wüßte ich gerne einen einzigen 1918/20 neugeschaffenen Staat, der mit seinen Nachbarn nicht im Dauerclinch gelegen hätte.

Was allerdings richtig ist, ist, daß sich in Polen in der Zeit der Teilungen eine manchmal schwer erträglich Mischung aus Leidensgestus und Missionarismus herausgebildet hat, die teils noch heute fortwirkt. Was ich von den Kaczynsiki-Twins in dieser Hinsicht halte, hatte ich ja schon gesagt.

So Essen fertig. Bon appetit!

Paule, ich finde es cchade, daß ein so langer, inhaltes-und geistreicher Beitrag mitten im Rußland-Sammelthread steht. Ich koppele ihn ab, okay? Zumal es ja nicht nur um Rußland geht.

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vor 1435 Tagen: Do, 5.10.2006, 20:24 Antworten mit ZitatNach unten
Geteilt: Do, 5.10.2006, 20:25 Uhr von Harki
Von Aus dem Reich der zehn Zeitzonen in der Rubrik Politik
Paul
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606 – VI.06
vor 1435 Tagen: Do, 5.10.2006, 23:46 Kurz-URL Beitrag Nach oben
Harki hat geschrieben:
Paule, ich finde es cchade, daß ein so langer, inhaltes-und geistreicher Beitrag mitten im Rußland-Sammelthread steht. Ich koppele ihn ab, okay? Zumal es ja nicht nur um Rußland geht.


Oki, aber bitte nicht zuviel der Ehre für mich. :schäm:

Ich habe allerdings im Ursprungsthread noch einen Link hierher gesetzt, da viele meiner Einlassungen nur in diesem Kontext verständlich sind.

Inhaltlich erst morgen mehr von mir. ;)


Harki hat geschrieben:
So Essen fertig. Bon appetit!


Mahlzeit! :)
vor 1435 Tagen: Do, 5.10.2006, 23:46 Antworten mit ZitatNach unten
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12539 – XII.04
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vor 1434 Tagen: Fr, 6.10.2006, 0:18 Kurz-URL Beitrag Nach oben
Paul hat geschrieben:
Mahlzeit! :)


Danke! :) Hat gemundet! Nudeln, Gemüse, Fleisch - mit Knoblauch aufgebraten und mit tunesischer Chilipaste (Harissa) waffenfähig gemacht. :) :) Wirklich nicht gerade chic, weil multikultiverdächtig, aber lecker. Und nahrhaft. Bon appetit!

Von mir jetzt auch zu später Stunde nur eine kurze technische Bemerkung: Wenn Ihr Euch irgendwie unsicher seid: "Soll ich das an den Thread XY anhängen oder soll ich einen eigenen aufmachen?" Im Zweifelsfall: Macht ungeniert einen eigenen auf. Das fördert die Übersichtlichkeit für menschliche Besucher, ist gut für die Suchmaschinen und wahrt einem umfangreichen Statement wie dem am Anfang dieses Threads seinen ihm zukommenden Stellenwert.

Natürlich bitten wir euch nicht: "Macht bitte zum gleichen Thema immer mehrere Stränge auf!" ;) Wenn ihr es aus Versehen doch macht, macht es aber gar nichts - wir packen sie dann schon zusammmen. :) Im Zweifelsfall also: Neues Thema. :)

http://konjunktiv2.de/lastfm_Harki_12.png
vor 1434 Tagen: Fr, 6.10.2006, 0:18 Antworten mit ZitatNach unten
homo ludens
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12539 – XII.04
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vor 1434 Tagen: Fr, 6.10.2006, 21:44 Kurz-URL Beitrag Nach oben
Paul hat geschrieben:
2. Transatlantische "Freundschaft" und europäische "Einbindung"


Die lächerliche Anekdote von 1968 - entstanden, weil in einer konfusen Krisensituation ein (oder zwei) militärische Hornochsen dumme Entscheidungen treffen - wird schwerlich die Erfolgsgeschichte der NATO umschreiben können. Wie es der verstorbene Bischof Dyba einmal ausgedrückt hat: "Sieg auf ganzer Linie ohne einen einzigen Schuß".

Für mich stellt sich die Sache so dar: Ich halte große Teile der US-amerikanischen politischen Eliten für weltfremde Vollididioten (ausdrücklich inkusive der von Dir ja gelegentlich gern zitierten Neokons). Die Tatsache aber, daß ich meine Kindheit und Jugend in geistiger Freiheit und nie gekanntem materiellen Wohlstand verbringen konnte, verdanke ich im wesentlichen der Westbindung der BRD und dem Bündnis mit den Amis. Die Tatsache das Du das nicht konntest, verdankst Du den Russen, denen Du heute so gerne wieder die Ukraine zuschustern möchtest. (Obwohl Du wissen solltest, daß weite Teile der Westukraine noch Anfang der 50er für sowjetische Soldaten No-Go-Area gewesen sind, weil da die UPA das sagen hatte.)

Niemand in der alten BRD (abgesehen von ein paar linken und ganz rechten Spinnern) hat die US-Soldaten als Besatzungsarmee empfunden. Man durfte sogar mit ihnen reden, selbst Mischehen waren legal - stell Dir das mal vor. ;)

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vor 1434 Tagen: Fr, 6.10.2006, 21:44 Antworten mit ZitatNach unten
Paul
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606 – VI.06
vor 1434 Tagen: Fr, 6.10.2006, 23:43 Kurz-URL Beitrag Nach oben
Nun denn. :)

Harki hat geschrieben:
... - ich finde sie aber sozusagen unpolitisch und geradezu unpreußisch. ;)

Ist sie aber nicht. "Ultima ratio regis" stand auf unseren Kanonen. ;)



1. Weiter zu Polen. Seine Lage heute ist m.E. derjenigen in der Zwischenkriegszeit nicht ganz unähnlich. Damals hatte man sich mit fast allen Nachbarn verkracht und fuhr eine aggressive Außenpolitik, sogar gegen die CSR, obwohl man mit derselben in einer Koalition verbunden war, die primär gegen Deutschland gerichtet sein sollte. Ausdruck dieser Selbstüberschätzung ist die Einlassung Pildsudskis (oder Becks? - ich kann das gerade nicht nachschlagen), man könne militärisch gegen das Reich und die SU bestehen. Wer derart mit einem Zweifrontenkrieg spielt, kann nur verlieren - wie im Herbst 1939 geschehen.
Polen ist - ähnlich wie Deutschland - in einer Mittellage. Daraus folgt, daß man sich mit mindestens einem der beiden großen Nachbarn gut stellen muß. Genau das hat Polen damals versäumt und wiederholt diesen fehler auch heute. Die Hoffnung, diesen Mangel durch die enge Anbindung an einen entfernten Verbündeten (damals: Frankreich und England, heute: USA) ausgleichen zu können, ist abwegig.

Ich will jetzt nicht sentimental werden, aber angesichts der sehr zuvorkommenden Haltung Deutschlands gegenüber Polen wäre etwas Freundlichkeit aus Warschau nicht unangebracht. Leider ist das Gegenteil der Fall: Störfeuer, wohin man nur schaut. Insofern erscheint es mir naheliegend, daß Deutschland und Rußland versuchen, ohne diesen Unruhestifter gut miteinander auszukommen. Der Entschluß des Kanzlers Schröder, die neue Gas-Pipeline durch die Ostsee zu bauen, war m.E. eine der klügsten Entscheidungen seiner Regierungszeit.

Außerdem ist mit Rußland manches leichter, was mit Polen (und den Tschechen) bis heute schwierig ist. Bsp.: Die Erinnerung an den 2. WK und seine Folgen. Die Erinnerung an den "Großen Vaterländischen Krieg" ist nach wie vor von eminenter Bedeutung für die russische Gesellschaft, aber diese hat keine unmittelbaren außenpolitischen Folgen. Selbstverständlich werden am 9. Mai in jedem größeren Ort Paraden oder Umzüge abgehalten, dabei ist - genauso wie an den vielen Denkmälern - aber i.d.R., von wenigen Ausnahmen abgesehen, keine Feindseligkeit gegen die Deutschen zu spüren (was mich überrascht hat). (Gleichwohl war Schröders Teilnahme an der Parade 2005 in Moskau falsch - die Selbstachtung des Unterlegenen hätte es verbieten müssen.)
Außerdem wurden seit 1992 zahllose, zu Unrecht durch sowjetische (Kriegs)Gerichte Verurteilte durch die russische Justiz rehabilitiert - ohne allzu großes Aufsehen. Ferner kann heute ein - früher "volksfeindlicher" - Rußlanddeutscher (German Gref) ganz selbstverständlich Wirtschaftsminister der RF sein.

Wie sieht es mit unseren östlichen Nachbarn aus? Die Polen äußern wüsteste Beschimpfungen gegen die Vertriebenen und auch die Tschechen beharren im Rahmen ihres EU-Beitritts auf den Benesch-Dekreten. Beide fühlen sich im Unrecht, das sie erzeugt haben, ganz offensichtlich wohl. Und wie ist die Lage der dort noch verblieben deutschen Minderheit?
Offensichtlich ist die "Aussöhnung" mit den Russen also besser vorangekommen als mit unseren östlichen Nachbarn. Und das sollen unsere quasi naturgegebenen Freunde sein?



2. Zum Thema "Erbfeindschaft": Ich habe etwas gesucht, und heute dieses Interview mit Otto von Habsburg gefunden:

Zitat:
Otto von Habsburg: [...] Weil für mich die europäische Union eine Sicherheitsgemeinschaft ist. Wenn man viele Kriege erlebt hat, weiß man: Wenn man Sicherheit hat, ist die ökonomische Situation gleich besser. Daher ist das Allerwichtigste die Sicherheit. Schauen sie sich doch die Karte an, wo Europa liegt. Da haben wir einige Nachbarn, die nicht so erfreulich sind.

sueddeutsche.de: An welche Nachbarn denken Sie da?

Habsburg: Russland, an erster Stelle. Russland hat sich immer ausgedehnt. Unter Jelzin war das im Grunde schon so. Es ist das größte imperialistische Land, das es gibt. Es geht bis zu den Kurilen auf der einen Seite und träumt auf der anderen noch immer davon, die baltischen Staaten zurückzubekommen.

sueddeutsche.de: Wladimir Putin ist also eine Gefahr für Europa?

Habsburg: Putin ist etwas ganz anderes als Jelzin war. Jelzin war immer betrunken, was ihn sympathisch gemacht hat. (lacht) Er war halt so ein typischer hundertprozentiger Russe. Auf mich machte er immer einen sehr guten Eindruck.

sueddeutsche.de: Und Putin ist kein typischer Russe?

Habsburg: Putin ist ein eiskalter Bürokrat und Technokrat. Ich befasse mich schon sehr lang mit Putin, schon zu einer Zeit, als die Leute noch gar nicht wussten, dass er existiert. Aus einem reinen Zufall übrigens.

[...]

sueddeutsche.de: Sie nehmen ihm also eine Wandlung nicht ab?

Habsburg: Das ist ein uralter KGB-Mann, der in der eigenen Schule die Schulkameraden denunziert hat. Schauen Sie, wie sehr Russland wieder restalinisiert worden ist, seitdem Putin an der Macht ist, schauen sie sich allein die innere Struktur der Regierung an, schauen sie sich die Emigration an, die Russland wieder hat. Schauen Sie sich den Prozess gegen Chodorkowskij an, der ein Skandal gewesen ist.

sueddeutsche.de: Nun hörte man seit dem Irak-Krieg, dass Europa als Sicherheitsgemeinschaft eher von einem Präventivkriege führenden Amerika Ungemach droht als von Russland.

Habsburg: Das ist eine Trottelhaftigkeit, verzeihen Sie. Die Amerikaner sind für uns keine Gefahr. Das wir uns gegen gewisse Wellen der amerikanischen Kultur wehren müssen, das ist völlig klar. Aber unsere Sicherheit ist von Seiten der Amerikaner nicht gefährdet.

sueddeutsche.de: Es ist wohl eher gemeint, sich gegenüber den USA als Gegenpol zu etablieren.

Habsburg: Schauen Sie, ich bin kein begeisterter Anhänger einer Hegemonie der Vereinigten Staaten. Dazu kenne ich Amerika zu gut. Ich bin ja mehrere Jahre meines Lebens dort gewesen. Aber daraus eine Gefahr für Europa zu konstruieren, ist abwegig. Man darf nicht vergessen, die Amerikaner haben uns immerhin in sehr kritischen Zeiten geholfen. Die Amerikaner sind ja unsere Kinder.

[...]

http://www.sueddeutsche.de/ausland/artikel/882/64818

Diese Äußerungen sind größtenteils Humbug. Rußland unter Jelzin ein imperialistisches Land? Die Ereignisse 1991 ff. sprechen eine ganz andere Sprache! Das mit dem Baltikum hatten wir ja schon erörtert und der Kurilenstreit ist doch ein wenig verzwickter als hier dargestellt. Das ist nichts anderes als die alte Fabel von den sich ausbreitenden, halbbarbarischen Slawen, vor denen sich die zivilisierten Europäer in Sicherheit bringen müssten. (Diese Meinung ist bei den Paneuropäern übrigens sehr populär. Schon vor dem 2. WK wurde sie vertreten, und es ging dabei explizit nicht um den Bolschewismus.)
Warum also ist für v. Habsburg Rußland unser Feind? Weil Putin ein Präsident ist, der die Eigenschaften Jelzins nicht teilt. Die Russen sind mithin dann unser Freund, wenn sie versoffen, desorganisiert, emotional und schwach sind (wie es Jelzin war). Kommt aber ein Bürokrat wie Putin ans Ruder, den auch ich als durchaus nicht typisch für einen Russen charakterisieren würde, so stellen sie angeblich eine Gefahr dar.
Der Unsinn von der Restalinisierung kommt auch in diesem Blogeintrag vor, wo man auch lesen kann:
Zitat:
Der „lupenreine“ Demokrat, errichtet langsam aber sicher wieder einen totalitären Staat, falls Russland seit Fall der UDSSR überhaupt je etwas anderes gewesen.

Ich weiß nicht, in welchem Paralleluniversum der Blogger seit 15 Jahren lebt Wut, aber am Ende des Stalinismus in Rußland und der Hinwendung zum Westen in den 90ern (und, zumindest was den Lebensstil angeht, bis heute) kann man kaum ernstlich in Zweifel ziehen. Das Land wurde grundlegend umgestaltet: die ökonomischen Veränderungen wurden maßgeblich von ausländischen Beratern wie Sachs inspiriert, dasselbe gilt für die Veränderungen im Rechtssystem. Die russische Verfassung bspw. ist der Traum jedes "progessiven" Juristen im Westen.

Sorry, aber auf derart hanebüchenem, von der Realität weit entferntem Unsinn sollte man keine deutsche Außenpolitik begründen. Das ist, wenn man so will, eine Art negativer Ostmystik.
Vielleicht liegt diese instinktive Abwehrhaltung gegen Rußland in der sprachlichen und kulturellen Differenz begründet? Selbige unterscheidet uns allerdings auch von Griechenland (und Rumänien und Bugarien), die sämtlich mehr durch Byzanz als durch Rom geprägt worden sind. Weiß nicht Aber Rußland ist nun einmal anders als der "Westen". Damit müssen wir leben, genauso wie wir mit China, Japan, Indien, Brasilien, Mexiko oder Südafrika auskommen.

Übrigens funktioniert im Falle Rußlands die Ansprache als Feind z.T. noch mit einer automatisierten Sicherheit, die ich bei Islam und Multikulti schon lange vermisse. :roll: Davon scheint mir auch die Berichterstattung der westlichen Medien geprägt zu sein. Viele sind nicht einmal dazu bereit, die Position der russischen Regierung mit einem Minimum an Wohlwollen zu prüfen, stattdessen sind die Rollen von Beginn an klar verteilt: 'Die Russen sind schuld' - ggf. auch am schlechten Wetter. ;) Und je instinktiver und irrationaler die Rußlandfeindschaft ist, desto fester wird die Freundschaft mit den USA beschworen. :q: (Siehe zu beidem auch den erwähnten Blog.)
Ein Beispiel ist die aktuelle Berichterstattung über den Konflikt mit Georgien. Allenthalben liest man, das russische Importverbot für georgische und moldawische Weine vom Jahresanfang sei rein politischer Natur. Falsch. Die Initiative ging von den Gesundheitsbehörden aus, die in Weinen aus den genannten Ländern gefährliche Verunreinigungen nachgewiesen haben. Und: Beide Erzeugerländer haben zugegeben, daß es mit einigen ihrer Weine tatsächlich Qualitätsprobleme gibt. Nur bestanden sie darauf, das Importverbot auf solche Weine zu beschränken, worauf sich wiederum die Russen nicht eingelassen haben. Nur das absolute Importverbot ist (vermutlich) außenpolitisch motiviert.



3. Zum Schluß möchte ich noch einen Bericht des Council on Foreign Relations vorstellen:

Zitat:
Russia's Wrong Direction

What the United States Can and Should Do

http://www.cfr.org/publication/9997/

Zu Beginn wird zutreffenderweise festgestellt:
Zitat:
The United States has generally enjoyed good relations with Russia
since the dissolution of the Soviet Union fifteen years ago. Washington,
Moscow, and the world have benefited from this cooperation on
issues ranging from weapons proliferation to counterterrorism after the
terrorist attacks of September 11, 2001.

Danach werden - in dankenswerter Offenheit - die Probleme genannt, die man mit Rußland hat. Es sind dies - zusammengefaßt - die russische Abweichung vom "westlichen Normalentwurf" einer Gesellschaft und eine eigenständige, an eigenen Interessen orientierte Außenpolitik, insbesondere im postsowjetischen Raum. Als Gegenmaßmnahme wird neben der obligatorischen "Stärkung der Zivilgesellschaft" (also der Stärkung der innerrussischen Opposition) vor allem eine harte Politik der USA empfohlen:
Zitat:
The United States should cede no veto or undue deference to Russia over American relations with the states of the Russian periphery....There is nothing legitimate about limiting the opportunity of its neighbors to deepen their integration into the international economy, to choose security allies and partners, or to pursue democratic political transformation.” The report further recommends, “Post-Soviet states that share America’s approach to major international problems and can contribute to resolving them should be able to count on greater support.”

Damit wie auch der praktischen US-Politik der letzten Jahre wird klar, daß die Amis die Hegemonie anstreben - und wer sich dem widersetzt, dem bläst ein scharfer Wind ins Gesicht. Somit hat sich die langjährige Hoffnung der Russen, man könne sich mit den USA auf das einigen, was man in der Diplomatensprache als "gütliche Aufteilung von Interessen- und Einflußsphären" bezeichnet, zerschlagen. Wenn man das in Rechnung stellt, wirken die Auslassungen eines Zbigniew Brzezinski gar nicht mehr so akademisch-abstrakt. Es geht um die weltweite Vormachtstellung der USA - und die Amis definieren die Begriffe und bestimmen darüber, wer Freund und wer Feind der "internationalen Gemeinschaft" ist. Mithin erscheinen auch die rusischen Einkreisungsängste gar nicht mehr so absurd: Osterweiterung der NATO, westliche Militärkooperation mit der Ukraine und Georgien, amerikanische Stützpunkte in Mittelasien ... - hier ist m.E. auch der Hauptgrund für die russische Kooperation mit China zu suchen.

Die meisten Russen, nicht nur die Staatsführung, sind aber zu der vom Westen offensichtlich erwarteten totalen Unterwerfung nicht bereit, weshalb das Land nicht nur eine schlechte Presse hat.



4. Mir leuchtet nicht ein, weshalb Rußland unser Feind sein sollte. Ich freue mich ehrlich gesagt darüber, daß mit Putin ein tatkräftiger Mann und kein Suffkopp an der Spitze des Staates steht. Für mich hat jedes Volk das Recht, über seine Regierungsform selbst zu bestimmen (und Putin hat zweifellos eine erhebliche Zustimmung im Volk), weshalb sich eine Einmischung von außen verbietet - das ist die Essenz von Demokratie. Und von mir aus kann Rußland in seiner eurasischen Hemisphäre auch solange ungehindert eigene Interessen verfolgen, wie es Deutschland (oder Europa, nicht: den USA!) nicht in die Quere kommt. Und viele dieser russischen Aktivitäten (z.B. der Schutz der russischen Minderheiten) sind ja gut begründet. Endlich läßt sich, wie die vergangenen 200 Jahre gezeigt haben, für fast alle direkten deutsch-russischen Probleme eine gütliche Einigung finden.

Was brächte uns die "westliche Lösung"? Wir sind weiter die Gezüchtigten im deutsch-polnischen SM-Studio und werden über das - auch via NATO vorgetragene - Hegemoniestreben der USA noch in so manchen (bewaffneten) Konflikt hineingezogen, in denen Deutschland - außer einer guten Reputation an Weichsel und Potomac - nicht viel zu gewinnen hat. Ist das die Knochen eines einzigen pommerschen Grenadiers wert? Etwas mehr Flexibilität nach Osten und etwas weniger Vasallengesinnung nach Washington, wie es die Bundesregierung Schröder/Fischer gezeigt hat (das war allerdings auch fast das einzig positive an ihrer Regierung), kann der deutschen Außenpolitik jedenfalls nur gut tun. Dazu muß man natürlich erstens seine Interessen kennen (und darf nicht darauf vertrauen, daß einem die beschwerliche Arbeit des denkens schon von anderen abgenommen wird) und zweitens über eine gewisse Anzahl eigener Mittel zu ihrer Durchsetzung verfügen (sprich: bessere Ausstattung der Bundeswehr). Denn schon Hobbes wußte: Wo Schutz, da Gehorsam.


Von Paul am Fr, 6.10.2006, 23:49, bearbeitet, (2x)
vor 1434 Tagen: Fr, 6.10.2006, 23:43 Antworten mit ZitatNach unten
Paul
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606 – VI.06
vor 1433 Tagen: Sa, 7.10.2006, 0:40 Kurz-URL Beitrag Nach oben
Harki hat geschrieben:
Die lächerliche Anekdote von 1968 ... wird schwerlich die Erfolgsgeschichte der NATO umschreiben können.


Diese Begebenheit zeigt, daß es im Extremfall (und als Schmittist, der ich nun einmal bin, halte ich diesen für besonders erhellend) in DDR wie BRD auf dasselbe hinausgelaufen wäre: Die vorherrschenden Mächte hätten (Atom-)Waffen gegen "ihren" Teil Deutschlands eingesetzt, um ihn unter ihrer Kuratel zu halten. Dabei wären die Russen - wie anno 1953 - sicherlich plumper vorgegangen als die Amis, am Ergebnis hätte das aber nichts geändert.
Erfolgsgeschichte der NATO? - "... to keep the Americans in, to keep the Russians out, to keep the Germans down." Wenn man es an diesem Maßstab mißt: ja, erfolgreich. :roll:


Harki hat geschrieben:
Die Tatsache das Du das nicht konntest, verdankst Du den Russen, denen Du heute so gerne wieder die Ukraine zuschustern möchtest. (Obwohl Du wissen solltest, daß weite Teile der Westukraine noch Anfang der 50er für sowjetische Soldaten No-Go-Area gewesen sind, weil da die UPA das sagen hatte.)


Vielleicht verdanke ich es ja auch Adenauer, der lieber seinen neuen, etwas vergrößerten Rheinbund behalten wollte? ;)
Außerdem will ich die Ukraine nicht wieder den Russen "zuschustern" (das habe ich auch hinreichend deutlich gemacht!), erlaube mir aber den Hinweis, daß es in der ukrainischen Bevölkerung - wenn man den Demoskopen glauben darf - keine Mehrheit für einen NATO-Beitritt gibt, wie er auch vom Westen gewünscht und propagiert wird. Die UPA (:d:) ist mir natürlich bekannt, aber sie betraf eben nur die katholische Westukraine! (Vielleicht wäre überhaupt eine Teilung das Beste für das Land? Dann hätte man auch den Sprachen- und Kulturkonflikt gelöst. Weiß nicht)


Harki hat geschrieben:
Niemand in der alten BRD (abgesehen von ein paar linken und ganz rechten Spinnern) hat die US-Soldaten als Besatzungsarmee empfunden.


Leider! Und niemand (von ein paar rechten "Spinnern" abgesehen) hat die Wiedervereinigung herbeigesehnt und Vorkehrungen dafür getroffen.


Harki hat geschrieben:
ausdrücklich inkusive der von Dir ja gelegentlich gern zitierten Neokons.


Sie sind halt offenherzige, "non-partisan" Vollidioten. ;)


Zitat:
Man durfte sogar mit ihnen reden, selbst Mischehen waren legal - stell Dir das mal vor.


Echt? Wirklich? Im Ernst? :flöt:
vor 1433 Tagen: Sa, 7.10.2006, 0:40 Antworten mit ZitatNach unten
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vor 1433 Tagen: Sa, 7.10.2006, 1:21 Kurz-URL Beitrag Nach oben
Nur kurz, Paule, muß gleich in die Federn...

Tut mir leid, wenn ich zu persönlich geworden bin, hm? :( Ich *hasse* diese Ossi-Wessi-Arschereien wie die Pest, sollte klargeworden sein. Aber, nu, wenn sich jemand zu deutlich als Preuße outet, wird er damit leben können, wenn das Statement von einem Niedersachsen kommt. ;)

Was mich stört, ist einfach die Gleichsetzung "Amis und Russen haben uns gleichermaßen", die vom Standpunkt der hohen Politik gesehen - also isoliert betrachtet - berechtigt sein mag, aber aller Lebenswirklichkeit widerspricht.

Ami-Soldaten haben in der Alt-BR keine Aufstände niedergewalzt, sondern haben halbwegs normal unter der Bevölkerung gelebt.

Ich bin in den 70er im ländlichen Niedersachsen Kind gewesen. Da gab es die großen NATO-Herbst-Manöver. (Die Bauern haben das "Dritte Ernte" genannt. ;)) Und da haben wir als Kinder an den Straßen gestanden und den Amis und den Limeys zugewinkt. Das waren, verdammt nochmal, einfach keine Besatzer!! Damals, als die Welt noch in Ordnung war, war das allen klar: Das sind Unsere, auch wenn sie im Alltag mal genervt haben, weil sie eben Soldaten waren.

Und überhaupt: Preußen. :roll: Ein Staat, den es nicht mehr gibt, und dessen Überbleibsel Brandenburg heute so etwas wie die Bronx der BRD ist. :roll: Da siehst Du, wohin diese ganze verfluchte Kollektiv-Denke führt. In den Status von alleingelassenen Russenknechte.

Wie immer in der Geschichte: Selber Schuld.

Mir langt dieses ganze weinerliche Gewäsch...

Deutschland hat halt selbst schuld: Kriege anzetteln, die man nicht gewinnen kann, hinterher die "Nemesis" verherrlichen. Brauchbare und bestens assimilierte Minderheiten vertreiben oder abmurksen, unbrauchbare reinholen. Und hinterher sind die Amis oder die Juden schuld, na klasse.

Noch was: Den Einsatzgruppen im Osten einfach ein paar Schnäpse geben, und dann schießen sie schon auf nackte Frauen und Mümmelgreise, kein Problem. Das hätte man mit einem italienischen Faschisten nicht machen können, und das ist ein Kernproblem Deutschlands. Und das hat auch mit seinem preußischen Erbe zu tun.

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vor 1433 Tagen: Sa, 7.10.2006, 1:21 Antworten mit ZitatNach unten
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vor 1433 Tagen: Sa, 7.10.2006, 10:44 Kurz-URL Beitrag Nach oben
Die Diskussion gewinnt ja zunehmend an Fahrt ;) Ich hoffe, ich kann meine modeste Art auch weiterhin beibehalten ;)

Lady Basildon: Ah! I hate being educated! Mrs. Marchmont: So do I. It puts one almost on a level with the commercial classes, doesn't it?

--

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vor 1433 Tagen: Sa, 7.10.2006, 10:44 Antworten mit ZitatNach unten
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vor 1433 Tagen: Sa, 7.10.2006, 12:42 Kurz-URL Beitrag Nach oben
Da Ihr in den Posts von letzter Nacht zahlreiche Themen angeschnitten habt, hoffe ich mit meiner Antwort zumindest auf einige Themenbereich davon eingehen zu können.

Als Vorbemerkung möchte ich nochmals festhalten, daß ich Rußland keineswegs als Feind oder gar „Erbfeind“ ansehe, ich allerdings auch nicht davon ausgehe, daß mit Rußland in absehbarer Zeit eine Art Freundschaft entstehen kann. Ein gutes, partnerschaftliches Verhältnis ist wünschenswert, allerdings nur auf Augenhöhe. Daß Deutschland für sich allein gesehen mit Rußland kaum auf Augenhöhe steht, darf man hierbei nicht außer Acht lassen.

Sicherlich kann ich Dir zustimmen, wenn Du feststellt, daß die deutschlandfeindliche Haltung Warschaus eine mehr als unangemessene Reaktion auf die relativ freundliche Haltung Deutschlands darstellt. Zweifellos ist es auch richtig, daß gerade die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg mit Rußland leichter ist als mit unseren unmittelbaren Nachbarn. Dies liegt natürlich auch daran, daß Rußland ein Sieger des Krieges ist, und deswegen wesentlich souveräner mit der Geschichte umgehen kann, als Polen oder Tschechien. Dennoch ersetzt eine auskömmliche Behandlung der Weltkriegsthematik mit Rußland ja keineswegs die Einigung mit unseren unmittelbaren Nachbarn, die zusätzlich Partner in der EU und der NATO sind.

Zudem gestaltet sich die Aussöhnung mit Rußland auch nicht ganz so problemlos, wenn es nicht nur um nette Gesten (Freisprüche) sondern um konkrete Inhalte geht. Es sei hier nur an die Diskussion um die 750-Jahrfeier von Königsberg erinnert, bei der der Name Königsberg keine wirkliche Rolle spielen durfte. (Sicherlich gibt es in Königsberg auch Gegenbeispiele, wie z.B. die Universität, aber diese beschränken sich auf Bereiche, die die russische Dominanz nicht berühren – auch in Moskau liest man allenthalben auf Gedenksteinen von „MARKS“, die Rückgabe der Beutekunst wurde hingegen gestoppt sowie sich Rußland dazu in der Lage sah). Die Neuerrichtung der Erlöserkathedrale, so begrüßenswert die Re-Christianisierungsbemühungen sind, wurde meines Erachtens ebenfalls als bewußtes Symbol der Russifizierung gestaltet, indem bei der Grundsteinlegung Erde / Mauerteile der moskauer Christ-Erlöserkathdedrale nach Königsberg verbracht wurden.

Zusammenfassend kann man sagen, daß die Rückschau auf den Zweiten Weltkrieg mit Rußland wesentlich einfacher ist, als mit unseren Nachbarn, allerdings nicht weil die Russen unsere geborenen Freunde wären, sondern weil Rußland in dieser Rückschau als Sieger auftreten kann und deswegen nicht mangelndes Selbstbewußtsein durch lautes Geschrei kompensieren muß.

Zu Habsburg:

Sicherlich kann man eine gewisse traditionelle rußlandkritische Haltung bei Otto von Habsburg und den Paneuropäern nicht leugnen. Dennoch halte ich Otto von Habsburg für einen zu politischen Denker, als daß man seine Haltung einfach in die Kategorie „Erbfeindschaft“ einsortieren könnte. Auch wenn Österreich (wie auch Preußen) im von Paul gelobten 19. Jahrhundert ja tatsächlich zahlreiche Probleme mit einem expansiven Rußland hatte.
Zu Habsburgs Haltung möchte ich dennoch einiges sagen. Wenn Otto von Habsburg Rußland als Imperium bezeichnet, so geschieht dies stets aus der Perspektive des Volksgruppenrechts. Und hier ist es unzweifelhaft, daß Rußland eines der großen Überlandimperien war und immer noch ist. Daß er explizit Jelzin erwähnt hängt hier natürlich mit dem ersten Tschetschenienkrieg zusammen, den Habsburg als Zeichen des ungebrochenen russischen Imperialismus sieht. Und bei allen Begründungen, die man für ein Eingreifen Rußlands dort finden kann, so ist natürlich nicht von der Hand zu weisen, daß Rußland dort eine jahrhundertelange Tradition der Kolonialisierung fortsetzte.
(Bezüglich der Kurilen sei mir die Bemerkung erlaubt, daß eine Hasenjagd auf japanische Fischer, auch bei Grenzstreitigkeiten sicherlich keine geeignete Maßnahme darstellt.)
Zitat:
Das ist nichts anderes als die alte Fabel von den sich ausbreitenden, halbbarbarischen Slawen, vor denen sich die zivilisierten Europäer in Sicherheit bringen müssten.

Betrachtet man die geschichtliche Entwicklung seit Iwan III, so kann man eine aggressive russische Expansion in alle Richtungen und nicht zuletzt auch Europa keineswegs leugnen, ohne daß man hierzu das Bild der halbbarbarischen slawischen Gefahr bemühen müßte. Die russische Expansion, die auch immer wieder auf Kosten Deutschlands stattfand, ist eine Tatsache. Wenn Habsburg also davor warnt, sich den Russen an den Hals zu werfen, um die Amerikaner loszuwerden, so hat er damit sicherlich recht.

Die Hinwendung Rußlands zum Westen, ist sicherlich eine Tatsache. Die Übernahme westlicher ökonomischer und juristischer Prinzipien kann nicht geleugnet werden. Allerdings bezweifle ich, daß dieser Westkurs aus reiner Freundlichkeit geschieht. Zumal die Übernahme westlicher Gepflogenheiten in der russischen Oberschicht Tradition ist, was aber nie dazu geführt hat, daß Rußland ein „westliches“ Land wurde, mag der Hof auch französisch parliert haben und die Ansiedlung europäischer Handwerker gefördert haben. Natürlich ist es falsch von einer Re-Stalinisierung Rußlands zu sprechen, aber die oberflächliche Übernahme westlicher Formen als „innerliche“ Hinwendung Rußlands an den Westen zu sehen ist meines Erachtens ebenso falsch. Die ökonomische Hinwendung an den Westen erfolgte meines Erachtens keineswegs, weil das Modell der Marktwirtschaft, des Privateigentums und des Unternehmergeistes in Rußland einen „ethischen“ Wert darstellt, sondern allein deswegen, weil es eben funktioniert und es erlaubt, russischen Unternehmen in der Weltwirtschaft mitzuspielen. (dies ist keine Wertung sondern eine neutrale Beobachtung).

Die von Dir kritisierte „instinktive Rußlandfeindlichkeit“ der Medien sehe ich nur bedingt gegeben. Die Achse Berlin-Moskau wurde generell als willkommene Emanzipation von den bösen Amerikanern präsentiert und im Zuge seiner Freundschaft zu Schröder wurde Putin in den deutschen Medien oft mehr als zuvorkommend portraitiert und in Bezug auf Tschetschenien wird eigentlich regelmäßig die russische Version der Vorkommnisse widergegeben, gelegentlich ergänzt durch menschenrechtliche Mahnungen. Der Posten Schröders bei der Gasprom ist für mich ein typisches Beispiel, wie russisch-deutsche Politik nicht laufen darf. Ein ehemaliger deutscher Regierungschef darf sich nicht zum Befehlsempfänger einer anderen Nation machen lassen (dies gilt nicht nur für Rußland sondern z.B. auch für Amerika). Ich denke, die psychologische Bedeutung der Tatsache, daß Schröder nun Angestellter eine russischen (Staats)unternehmens ist, sollte man nicht unterschätzen.

Die von Dir wiederholt aufgestellte Behauptung, der Westen (und natürlich besonders die USA) erwarte von Rußland totale Unterwerfung ist meines Erachtens nicht zutreffend. Die Zurückdrängungspolitik und die Befreiung der ost(mittel)europäischen Völker, sowie deren Sicherung, z.B. durch die Integration in die EU, nach dem Zerfall der Sowjetunion war allerdings dringend geboten, denn man kann schwerlich behaupten, daß der Status nach 1945 mit einer russischen Expansion bis an die Elbe ein wünschenswerter Zustand gewesen ist. Denn die Definition einer „angemessenen“ russischen Einflußsphäre kann ja nicht nur Sache der russischen Seite sein (nach dem islamischen Motto, wo einmal unsere Truppen standen ist russisches Gebiet), sondern bedarf einer gegenseitigen Übereinkunft.

Als Zwischenfazit möchte ich betonen, daß es meiner Ansicht nach keineswegs darum geht, Rußland als Feind oder Feindbild zu zeichnen oder zu erhalten. Eine Kooperation ist sicherlich fruchtbar und wünschenswert. Allerdings halte ich es, auch unter Beachtung der letzten 500 Jahre russischer Geschichte, keineswegs für richtig, aus reiner Aversion den Amerikanern gegenüber sich den Russen an den Hals zu werfen, da damit weniger gewonnen als verloren würde. Es war immer klug für Deutschland und Europa, Rußland aus der Position der Stärke gegenüber zu treten. Die daraus folgenden Beziehungen waren meist fruchtbar. Allerdings hat Rußland, historisch betrachtet, deutsche und europäische Schwäche regelmäßig zu seinem Vorteil ausgenutzt (ohne jetzt das Bild der deutschen Adlers unter den Hufen von Schukows Pferd bemühen zu wollen) und ich sehe keinen Grund, warum sich diese Grundlinie der russischen Politik 1991 in Luft aufgelöst haben soll. Und wie anfangs schon erwähnt, kann Deutschland für sich allein mit Rußland nicht auf Augenhöhe stehen sondern würde in einem solchen Verhältnis immer der Juniorpartner sein.


Von frei_sein am Sa, 7.10.2006, 12:51, bearbeitet, (2x)
vor 1433 Tagen: Sa, 7.10.2006, 12:42 Antworten mit ZitatNach unten
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vor 1433 Tagen: Sa, 7.10.2006, 13:44 Kurz-URL Beitrag Nach oben
Ich muß auch sagen, daß ich den von Paul dankenswerterweise eingebauten Ausschnitt aus dem Interview mit Otto von Habsburg für eine ebenso knappe wie weise und auch noch witzige Analyse der Substanz Rußlands und des Putin-Regimes halte. Auch die Bemerkungen zu den USA: "Nicht ganz für voll zu nehmen, aber letztlich unsere Freunde." Herrlich!

Das geht mir übrigens öfter so, wenn Angehörige des Hauses Habsburg den Mund aufmachen: Der ganze Schrecken löst sich auf einmal in Luft auf! :)

Und man muß sich im Grunde doch nur einmal das Gesicht Putins anschauen. Der Typ ist Denunziation, ist Apparat - ist eben einfach bähbäh, auch wenn er aus Petersburg und nicht aus Moskau kommt. ;)

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Von Harki am Sa, 7.10.2006, 13:57, bearbeitet, (1x)
vor 1433 Tagen: Sa, 7.10.2006, 13:44 Antworten mit ZitatNach unten
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742 – X.05
vor 1433 Tagen: Sa, 7.10.2006, 16:36 Kurz-URL Beitrag Nach oben
Gegenwärtig findet in Bad Boll die Tagung "Rußand und Deutschland - Hoffnungen und Mißverständnisse" statt. Gestern hielt Gerhard Schröder einen Vortrag über "Die Bedeutung der strategischen Partnerschaft mit Rußland", der mit der anschließenden Diskussion teilweise auf Phoenix übertragen wurde. Heute wird aber wohl nichts mehr übertragen.
vor 1433 Tagen: Sa, 7.10.2006, 16:36 Antworten mit ZitatNach unten
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vor 1433 Tagen: Sa, 7.10.2006, 19:58 Kurz-URL Beitrag Nach oben
frei_sein, danke für Deine ausführlichen Einlassungen.


frei_sein hat geschrieben:
Als Vorbemerkung möchte ich nochmals festhalten, daß ich Rußland keineswegs als Feind oder gar „Erbfeind“ ansehe,


Das ehrt Dich. ;)


frei_sein hat geschrieben:
Zudem gestaltet sich die Aussöhnung mit Rußland auch nicht ganz so problemlos, wenn es nicht nur um nette Gesten (Freisprüche) sondern um konkrete Inhalte geht.


Das wollte und will ich auch nicht bestreiten (wir leben schließlich nicht im Paradies ;)).


frei_sein hat geschrieben:
... auch in Moskau liest man allenthalben auf Gedenksteinen von „MARKS“, ...


War der kein Deutscher? :D


frei_sein hat geschrieben:
Auch wenn Österreich (wie auch Preußen) im von Paul gelobten 19. Jahrhundert ja tatsächlich zahlreiche Probleme mit einem expansiven Rußland hatte.


Hm, zu Preußen fällt mir jetzt nichts ein und zu Österreich auch nur die Balkanfrage.


frei_sein hat geschrieben:
Zu Habsburgs Haltung möchte ich dennoch einiges sagen. Wenn Otto von Habsburg Rußland als Imperium bezeichnet, so geschieht dies stets aus der Perspektive des Volksgruppenrechts. Und hier ist es unzweifelhaft, daß Rußland eines der großen Überlandimperien war und immer noch ist.


Danke für diese Erläuterung. Nur wird man daran beim besten Willen nicht viel ändern können, schließlich leben in der Russischen Föderation etwa 100 Völker und Völkerschaften. Und zwar so, daß eine friedlich ablaufende territoriale Scheidung nicht einmal hypothetisch denkbar ist. Insofern scheint mir nur der derzeitige Weg gangbar, mit der Möglichkeit Autonomer Republiken, Kreise etc.


frei_sein hat geschrieben:
Betrachtet man die geschichtliche Entwicklung seit Iwan III, so kann man eine aggressive russische Expansion in alle Richtungen und nicht zuletzt auch Europa keineswegs leugnen, ohne daß man hierzu das Bild der halbbarbarischen slawischen Gefahr bemühen müßte. Die russische Expansion, die auch immer wieder auf Kosten Deutschlands stattfand, ist eine Tatsache.

frei_sein hat geschrieben:
Allerdings hat Rußland, historisch betrachtet, deutsche und europäische Schwäche regelmäßig zu seinem Vorteil ausgenutzt ...


Hm ... im Laufe der Geschichte haben sich viele Reiche, Völker und Staaten ausgebreitet, die Deutschen etwa seit den Ottonen nach Osten, die USA nach Westen, die Moskowiter vornehmlich nach Osten und Süden. Was die Verluste Deutschlands bzw. das Ausnutzes deutscher Schwäche angeht, fällt mir jetzt allerdings außer dem Deutschen Orden im Mittelalter und Ostpreußen nach 1945 spontan nichts ein und bitte um Exemplifizierung.
Die Geopolitiker, die vor einem Expansionsdrang nach Westen gewarnt haben, meinten damit übrigens immer die slawische Westexpansion, die sie daran festgemacht haben, daß Polen jetzt an Oder und Neiße steht. Insoweit hatten sie ja auch recht. Nur paßt diese Betrachtung nicht in die derzeitige Freude über die Heimkehr der Westslawen nach Europa. - Von einer nur russischen Westexpansion war dort nie die Rede.


frei_sein hat geschrieben:
Allerdings bezweifle ich, daß dieser Westkurs aus reiner Freundlichkeit geschieht. ... aber die oberflächliche Übernahme westlicher Formen als „innerliche“ Hinwendung Rußlands an den Westen zu sehen ist meines Erachtens ebenso falsch.


Ich bin durchaus nicht der Auffassung, daß Rußland ein westliches Land sei oder ein solches werden könnte. Man wird sich mit der "oberflächlichen" Übernahme westlicher Formen begnügen müssen - was m.E. aus außenpolitischer Sicht auch reicht. So hat z.B. auch Japan nach der Meji-Restauration westliche Erkenntnisse nicht deshalb übernommen, weil selbige im moralischen Sinne "besser" wären, sondern weil sie effizienter waren als die althergebrachten japanischen. Waren das mehr als nur Äußerlichkeiten, hat sich dadurch die "japanische Seele" tiefgreifend verändert? Ich würde Japan auch heute noch als asiatisches Land ansprechen.


frei_sein hat geschrieben:
Die Achse Berlin-Moskau wurde generell als willkommene Emanzipation von den bösen Amerikanern präsentiert ...


Aber nur, weil sie dem allgemeinen Pazifismus in der deutschen Gesellschaft gelegen kam, den ich als Teil unserer Schwäche betrachte. :crap:


frei_sein hat geschrieben:
Ein ehemaliger deutscher Regierungschef darf sich nicht zum Befehlsempfänger einer anderen Nation machen lassen (dies gilt nicht nur für Rußland sondern z.B. auch für Amerika).


:d: D'accord.


frei_sein hat geschrieben:
Die von Dir wiederholt aufgestellte Behauptung, der Westen (und natürlich besonders die USA) erwarte von Rußland totale Unterwerfung ist meines Erachtens nicht zutreffend. Die Zurückdrängungspolitik und die Befreiung der ost(mittel)europäischen Völker, sowie deren Sicherung, z.B. durch die Integration in die EU, nach dem Zerfall der Sowjetunion war allerdings dringend geboten, denn man kann schwerlich behaupten, daß der Status nach 1945 mit einer russischen Expansion bis an die Elbe ein wünschenswerter Zustand gewesen ist. Denn die Definition einer „angemessenen“ russischen Einflußsphäre kann ja nicht nur Sache der russischen Seite sein (nach dem islamischen Motto, wo einmal unsere Truppen standen ist russisches Gebiet), sondern bedarf einer gegenseitigen Übereinkunft.


Zunächst darf ich auf den oben von mir erwähnten Bericht verweisen. Der CFR nennt dort kein einziges Problem, daß Rußland direkt den USA bzw. dem Westen bereitet, insbesondere kein sicherheitspolitisches. Alle genannten Probleme betreffen entweder die russische Innenpolitik oder die Staaten der russischen Peripherie (ex-UdSSR). Das ist doch erhellend. Offensichtlich erwartet man von Rußland nicht nur, daß man miteinander ein auskömmliches Verhältnis hat, sondern daß sich der Staat insgesamt den westlichen Wünschen und Vorstellungen beugt. Das wird auch in zahlreichen anderen Einlassungen (auch deutscher Provenienz) deutlich: Man könne mit Rußland keine strategische Partnerschaft eingehen, da man keine gemeinsame kongruente Wertebasis besitze. Das dahinterstehende Ideal scheint immer noch das des Weltstaates zu sein, der überall Freiheit, Frieden, Demokratie und Wohlstand bringe. In diesem Westbild fällt den USA die Rolle des Welterlösers ... ähm ... des weltweiten Demokratiebringers zu. :übel: Eine m.E. im wahrsten Sinne des Wortes totalitäre Vorstellung. (So wird allerdings die direkte oder indirekte Feinderklärung an Rußland, welche man bisweilen feststellen kann, nachvollziehbar.) - Ich setze dagegen: Man muß seine Interessen kennen, sie durchzusetzen versuchen, aber man muß sich nicht lieben, da man sich schließlich nicht heiraten will. :)

Zu den Einflußsphären: Natürlich konnte die Abgrenzung von 1945 nicht von Dauer sein und natürlich müssen beide Seiten daran mitwirken. Aber es hätte vom Westen im Zuge der letzten NATO-Erweiterung unmißverständlich deutlich gemacht werden müssen, daß das eigene Agieren Grenzen kennt. Bsp.: Rußland hat sich nicht in Litauen oder Polen einzumischen, dafür enthält sich Polen jeder Einmischung in Weißrußland oder der Ukraine.
So ist es aber nicht gekommen. Die Russen haben - nicht ganz zu Unrecht - den Eindruck, daß der Westen die augenblickliche eigene Schwäche hemmungslos zur eigenen Expansion im postsowjetischen Raum ausnutze. Als deren Ziel hat ein Denker wie Brzezinski übrigens die Zerschlagung Rußlands in mehrere Staaten vorgeschlagen. Welchem anderen Zweck sollten die tatsächlichen amerikanischen Aktivitäten in diesem Raum auch sonst dienen? Man bedenke besonders die Unterstützung der "Farbenrevolutionen". Man hat dabei hemmungslos pro-westliche, also in das eigene politische Konzept passende Kräfte unterstützt, um "Demokratie" ging es dabei bestenfalls nachrangig - siehe Sakaschwili in Georgien.
Weiters sind der völkerrechtlich illegale Kosovokrieg 1999, der Ausstieg der USA aus dem ABM-Vertrag und deren bereits erwähnte militärische Aktivitäten zu nennen. Nach dem 11. September glaubte man in Moskau, daß man sich nunmehr mit dem Westen arrangieren könne und gewährte etwa Transitrechte für die Afghanistanoperationen. Zusammen mit der universalistischen Rhetorik aus den USA wirkt dies alles nicht gerade beruhigend auf die Russen.

Ich hatte oben bereits eine Art Großraummodell angedeutet, welches m.E. viele dieser Probleme vermeiden könnte. Europa (einschl. Polen, Baltikum, Tschechei, Slowakei und Ungarn) agiert gemeinsam (und eigenständig von den USA), macht den Russen die Grenzen ihres Einflußbereiches klar und verkehrt somit mit ihnen auf Augenhöhe (die nicht nur Du wünschst!). Damit wären die USA, von denen die Spannungen mit Rußland m.E. in nicht unerheblichem ausgehen, zumindest für Europa nicht mehr notwendig. Die Russen empfinden amerikanische Soldaten an ihrer Grenze als aggressive Bedrohung durch eine Übermacht, nicht französische oder deutsche.


frei_sein hat geschrieben:
Allerdings halte ich es, auch unter Beachtung der letzten 500 Jahre russischer Geschichte, keineswegs für richtig, aus reiner Aversion den Amerikanern gegenüber sich den Russen an den Hals zu werfen, da damit weniger gewonnen als verloren würde. Es war immer klug für Deutschland und Europa, Rußland aus der Position der Stärke gegenüber zu treten. Die daraus folgenden Beziehungen waren meist fruchtbar.


Es geht nicht um ein An-den-Hals-werfen, sondern um eine deutsche Politik, die den eigenen Interessen dient und nicht transatlantisch fremdgesteuert ist. Die Forderung nach deutscher bzw. europäischer Stärke unterstütze ich natürlich. ;)


frei_sein hat geschrieben:
Und wie anfangs schon erwähnt, kann Deutschland für sich allein mit Rußland nicht auf Augenhöhe stehen sondern würde in einem solchen Verhältnis immer der Juniorpartner sein.


Darum plädiere ich ja für ein europäisches Zusammengehen, denn allein ist Deutschland immer der Juniorpartner - entweder der der USA oder eben Rußlands.
vor 1433 Tagen: Sa, 7.10.2006, 19:58 Antworten mit ZitatNach unten
Paul
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606 – VI.06
vor 1433 Tagen: Sa, 7.10.2006, 20:38 Kurz-URL Beitrag Nach oben
Harki hat geschrieben:
Was mich stört, ist einfach die Gleichsetzung "Amis und Russen haben uns gleichermaßen", die vom Standpunkt der hohen Politik gesehen - also isoliert betrachtet - berechtigt sein mag, aber aller Lebenswirklichkeit widerspricht.


Schon klar. ;) Aber auch in der DDR haben nicht alle die "Russen" als Besatzer empfunden, nicht wenige fühlten sich tatsächlich von ihnen vor dem "bösen Imperialismus" beschützt.
Interessant ist, daß einige mir bekannte ex-NVA-Offiziere Vorbehalte gegen den "großen Bruder" bekamen, nachdem sie dessen Militärwesen kennengelernt hatten: "Die hätten uns gnadenlos geopfert". Aber, pardon, im Westen war es doch nicht viel anders. Wo lagen denn die Zielkoordinaten der Force d'frappe? Wenn der Kalte Krieg heiß geworden wäre, wäre von Deutschland insgesamt nicht viel übrig geblieben.


Harki hat geschrieben:
Ami-Soldaten haben in der Alt-BR keine Aufstände niedergewalzt,


Pardon: Hätten sie aber getan, wenn es nötig gewesen wäre. Ich habe im Zuge einer Rekonstruktion der Debatte um die Notstandsgesetzgebung in der BRD während der 60er Jahre auch einen kleinen Einblick in die Planungen der Westalliierten für einen inneren Notstand bekommen. Da wurde erstens knallhart Besatzungsrecht ausgeübt und zweitens ist ein heutiger Bereitschaftspolizei-Einsatz geradezu harmlos im Vergleich zum dort geplanten Vorgehen, z.B. mit massivem Schußwaffengebrauch.


Harki hat geschrieben:
Da siehst Du, wohin diese ganze verfluchte Kollektiv-Denke führt. In den Status von alleingelassenen Russenknechte.


verwirrt Und was hat Preußen damit zu tun?


Harki hat geschrieben:
Wie immer in der Geschichte: Selber Schuld.


Stimmt, warum macht man auch einen Österreicher zum Reichskanzler. :D


Harki hat geschrieben:
Deutschland hat halt selbst schuld: Kriege anzetteln, die man nicht gewinnen kann, hinterher die "Nemesis" verherrlichen. Brauchbare und bestens assimilierte Minderheiten vertreiben oder abmurksen, unbrauchbare reinholen. Und hinterher sind die Amis oder die Juden schuld, na klasse.


D'accord! Der Massenmord, besonders an den deutschen Juden, war selbstredend falsch. Genauso, wie es Verschwörungstheorien sind.


Harki hat geschrieben:
Noch was: Den Einsatzgruppen im Osten einfach ein paar Schnäpse geben, und dann schießen sie schon auf nackte Frauen und Mümmelgreise, kein Problem. Das hätte man mit einem italienischen Faschisten nicht machen können, und das ist ein Kernproblem Deutschlands. Und das hat auch mit seinem preußischen Erbe zu tun.


Zum preußischen Erbe gehörte immer auch ein gewisses christliches Ethos (das im NS zweifellos fehlte) - ohne dasselbe ist Preußen in der Tat ungenießbar. So ganz ohne Erschießungen sind aber m.W. auch die Italiener nicht ausgekommen.



Harki hat geschrieben:
Ich muß auch sagen, daß ich den von Paul dankenswerterweise eingebauten Ausschnitt aus dem Interview mit Otto von Habsburg für eine ebenso knappe wie weise und auch noch witzige Analyse der Substanz Rußlands und des Putin-Regimes halte. Auch die Bemerkungen zu den USA: "Nicht ganz für voll zu nehmen, aber letztlich unsere Freunde." Herrlich!

[...]

Und man muß sich im Grunde doch nur einmal das Gesicht Putins anschauen. Der Typ ist Denunziation, ist Apparat - ist eben einfach bähbäh, auch wenn er aus Petersburg und nicht aus Moskau kommt.


Ich wußte, daß Dir das Interview gefallen würde. :)

Allerdings halte ich die Einstufung eines ganzen Landes als Sicherheitsrisiko für Europa nur aus dem Grund, daß einem die Nase des Präsidenten nicht gefällt, für extrem abwegig und durchaus nicht weise. Ich wiederhole mich: Rußland ist dann für Europa okay, wenn es desorganisiert, schwach und versoffen ist; sollte das Gegenteil eintreten (also das, was wir als "normal" bezeichnen würden), muß man bei uns langsam mit dem Schärfen der Bajonette beginnen? :roll:

Zur Person Putin: Er ist ein farbloser, aber disziplinierter Bürokrat, mitnichten ein charismatischer Führer (daher auch kein Diktator). Man muß ihn nicht lieben, aber er ist m.E. der Präsident, den Rußland jetzt braucht: entschlossenes Handeln, um Ordnung in das Chaos der Jelzin-Ära zu bringen, die Wirtschaft ankurbeln, den Staat nach innen stabilisieren und nach außen sichern - kurz: den Weg für die Zukunft ebnen. Und nach einer gewissen Zeit den Weg aller Bürokraten gehen, also wieder in der Versenkung zu verschwinden, ohne daß ihm allzu viel nachgetrauert wird.
Übrigens dürfte Putin als Person viel westlicher und liberaler sein, als man gemeinhin annimmt.


Von Paul am Sa, 7.10.2006, 20:47, bearbeitet, (5x)
vor 1433 Tagen: Sa, 7.10.2006, 20:38 Antworten mit ZitatNach unten
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vor 1433 Tagen: Sa, 7.10.2006, 20:56 Kurz-URL Beitrag Nach oben
Ich hatte in einem anderen Thread ja schonmal angedeutet, daß ich Putins Regime jetzt auch nicht für so schrecklich halte, und ebenfalls denke, daß Rußland momentan damit gut fährt.

Zitat:
Zur Person Putin: Er ist ein farbloser, aber disziplinierter Bürokrat, mitnichten ein charismatischer Führer (daher auch kein Diktator). Man muß ihn nicht lieben, aber er ist m.E. der Präsident, den Rußland jetzt braucht


Immerhin ist Putin eines der häufigeren Matruschka-, Tassen- und Tellermotive bei den Straßenhändlern und es gibt auch zahlreiche Putinimitatoren in Moskau, die sich als Foto-Kompagnon anpreisen ;)
vor 1433 Tagen: Sa, 7.10.2006, 20:56 Antworten mit ZitatNach unten
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