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Schon vor einigen Tagen bin ich durch einen Blog-Eintrag auf einen Aufsatz von Niall Ferguson auf cicero.de aufmerksam geworden: Egal, ob sie es super macht. Wegen der WM-Aufregungen bin ich erst jetzt dazu gekommen, ihn zu lesen.
Es handelt sich bei diesem Text im Kern um eine Warung - nämlich an diejenigen, die der globalen Hegemonie der USA eine wie auch immer geartete "multipolare" Weltordnung entgegensetzen möchten:
Zitat:
Wer die Vorherrschaft der USA in der Welt kritisiert, sollte einen Moment innehalten und die Alternative bedenken. Wenn die Vereinigten Staaten ihre Hegemonialstellung aufgäben, wer würde dann ihre Rolle übernehmen? Die USA müssen die Welt beherrschen, denn weder Europa, noch China, noch die muslimische Welt kann dies leisten – und gewiss nicht die Vereinten Nationen. Die Alternative zu einer einzelnen Supermacht ist leider nicht die multilaterale Utopie, sondern der Alptraum Anarchie und ein neues, finsteres Mittelalters. Der Text ist ausgesprochen lesenswert, die Skepsis gegenüber den Zukunftsperspektiven Chinas z.B. ist angesichts der oft blinden bundesdeutschen China-Begeisterung geradezu eine Wohltat. Dennoch frage ich mich: Wo ist der denn eigentllich, der globale Hegemon? Die USA steht im Irak auf verlorenem Posten. Kein Mensch kann im Moment auch nur ahnen, wie sie sich von dort einigermaßen geordnet zurückziehen will. Die Lage in Afghanistan ist nach fünf Jahren US-Intervention weniger denn je unter Kontrolle. An eine Position der Stärke gegenüber dem Iran ist kaum zu denken, gegenüber Nordkorea noch weniger. Aus Lateinamerika (Kuba, Bolivien, Venezuela) werden die USA offen herausgefordert, ohne viel dagegen unternehmen zu können. Den Versuchen der USA, im Palisraelkonflikt Einfluß zu nehmen, war bisher eher mäßiger Erfolg beschieden, den verschiedenen Versuchen, in Afrika zu intervenieren noch weniger. Ich möchte die USA keineswegs zu einem Papier-Tiger erklären, Gott behüte. Nur sähe ich nicht, inwiefern man allen Ernstes von einer globalen "Hegemonialstellung der USA" sprechen könnte. |
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Harki, danke für diesen Eintrag, nachdem die Diskussion im IfS-Blog wieder einmal abgedriftet ist. Das Thema "Neues Mittelalter" wurde ja kürzlich vom IfS aufgegriffen und hat viele interessante Facetten. Später mehr dazu.
Nun kurz zum Text von Niall Ferguson. Die Frage nach Uni- oder Multipolarität der Welt, also konkret nach der Hegemonialstellung der USA, hat zwei Aspekte: einen normativen und einen positiven. Zunächst kann man also die Frage stellen, ob eine weltweite Hegemonie der USA wünschenswert ist. Ferguson und viele andere, gerade auch Rechte, bejahen diese Frage mit den unterschiedlichsten Argumenten (Ordnung, Stabilität, Demokratie etc.). Dazu kann man stehen wie man will, entscheidend dürfte aber doch der zweite Aspekt sein: Haben wir eine unipolare Welt bzw. sind die USA wirklich ein Hegemon? Diese Frage wird man verneinen müssen (einige Gründe sind im Text auch angeführt). Vor 1990 herrschte eben keine bipolare Weltordnung, sondern seit den 1960er Jahren, also dem Eintreten Rotchinas in die Weltpolitik, dem Auftreten der "Dritten Welt" und der Sonderrolle Frankreichs im "Westen" wird man doch von einer multipolaren Welt sprechen müssen (darauf hat auch A. Mohler in "Was die Deutschen fürchten" schon sehr früh hingewiesen). Der Zusammenbruch der Sowjetunion hat Rußland zwar degradiert, aber nicht ausgeschaltet. Wenn man sich die Entwicklung regionaler internationaler Organisationen und Kooperationen oder das Verhalten der ständigen Mitglieder im UN-Sicherheitsrat ansieht, läßt sich am Befund der Multipolarität auch heute nicht rütteln. Die USA sind zwar - mit Abstand - die größte Macht auf dieser Welt, ein alles dominierender Hegemon sind sie jedoch nicht. |
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In der Zeit eine Analyse von Josef Joffe mit der seltsamen Überschrift "Jenseits von McPom", in der er nach einleitenden Überlegungen zum Verhältnis Deutschland und Amerika auf die weltpolitische Lage eingeht und dabei auch Überlegungen zur uni-/multipolaren Gegenwart anstellt.
Zitat:
Denn im Falle Russlands wie auch Chinas zeigen sich die Grenzen einer »multipolaren Welt«, in der das »Konzert der Mächte«, jenes Konstrukt aus dem 19. Jahrhundert, die »letzte verbliebene Supermacht« als Ordnungsprinzip ersetzen möge. Denn beide – der Wiederaufsteiger Russland und der Aufstreber China – sind revisionistische, keine Ordnungsmächte. Dies ist insofern richt, als daß Rußland sich auf dem Weg sehen will, politisch die SU an internationaler Bedeutung deutlicher zu beerben, und China, das unter Mao und Konsorten allenfalls eine atomar bewaffnete Regionalmacht war, dessen außenpolitsche Ambitionen eher regional waren (und dessen Atomprogramm deutlicher als bei den anderen Atommächten defensiv ausgelegt war) Joffe sieht auch Indien keineswegs als mögliche Ordnungsmacht und begründet dies, nicht unerwartet nach den Anschlägen, mit seinem internen Ordnungsproblem sowie den Feindschaften der Umgebung.
Zitat:
Es stellt sich heraus, dass der »Westen« doch noch ein brauchbares Konzept ist – egal, wie zerrissen er sein mag, egal, wie selbstbezogen EU und USA agieren, wenn die eine sich ängstlich abschottet und die anderen auftrumpfend ihre Macht zelebrieren. Wenn sich die Alte und die Neue Welt von ihrer besten Seite zeigen, können sie dem Rest etwas anbieten, was die Revisionisten und Aufsteiger nicht haben: eine Definition der nationalen Interessen, die über das rein Nationale hinausgeht. Der letzte Abschnitt ist natürlich auch im Zusammenhang mit den im Thread zu den Auslandseinsätzen der Bundeswehr (http://konjunktiv2.de/thema5170.html) schon diskutierten nationalen Interessen.
Zitat:
Das Schicksal der Weltwirtschaft ist in Brüssel und Washington gewiss besser aufgehoben als in Moskau, Peking oder Delhi. Auch wenn Joffe diese Folgerung nach etwas pathetischen Überlegungen zieht, stimme ich ihn natürlich eindeutig zu. http://www.zeit.de/2006/29/01-Leiter-1?page=1 |
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Eine kurze Reaktion auf den Joffe-Artikel:
Er hat einige durchaus richtige Einsichten, z.B. sieht auch er den Unilateralismus (und damit die Hegemonie!) der USA als gescheitert an. Ansonsten argumentiert er stark normativ. Er fragt, ob eine multipolare Weldordnung wünschenswert ist (und verneint das). Hier möchte ich - angelehnt an v. Hayek - entgegnen: Eine Weltordnung wird nicht "gemacht" (das versuchen die USA seit 15 Jahren ausdrücklich und sind dabei zweifelsohne erfolglos) und ist auch kein normatives Metasystem, sie entsteht aus dem faktischen Spiel der Mächte, gewissermaßen als "spontane Ordnung". Und die - zumindest meiner Analyse nach - derzeitige Weltordnung ist multipolar, weist aber Auflösungs- und Zerfaserungstendenzen auf. Als Universalist leugnet Joffe ferner die Bedeutung nationaler Interessen zugunsten einer Verfolgung übernationaler (Ordnungs-)Prinzipien. Auch wenn in der Geschichte häufig auch Ordnungsprinzipien verfolgt worden sind, so waren sie doch nie Selbstzweck, sondern dienten immer dazu, den Rahmen der politischen Interessenwahrnehmung zu bestimmen - nach dem Motto: Das Spiel muß weitergehen, darum müssen die Spielregeln eingehalten werden. Ordnungen als Selbstzweck oder zur Verwirklichung "gemeinsamer Werte" können langfristig nicht bestehen (wie etwa die Heiligen Allianz des 19. Jh.). Schließlich erlaube ich mir, die alte Hobbes-Frage "Quis iudicabit?" zu stellen: Wer beschließt darüber, daß "freier Handel oder Kapitalverkehr" gut für die Welt bzw. die Weltwirtschaft sind? Wer oder was ist überhaupt die "Weltwirtschaft" und worin bestehen ihre Interessen? Vermutlich ist sie der Kern dessen, was Joffe unter dem "Westen" versteht. Das läuft letztlich auf Ökonomismus anstelle des christlichen Abendlandes hinaus. Darauf scheinen sich auch die "gemeinsamen Werte des Westens" zu reduzieren (natürlich plus weltweite Verbreitung von Demokratie). Insgesamt überrascht mich Joffe nicht, arbeitet er doch mittlerweile zusammen mit Fukuyama und Brzezinski bei "The American Interest", das auch in einigen Zeitungsläden hierzulande erhältlich ist. Dieses Magazin ist teilweise interessant und lesenswert, teilweise aber auch - pardon - blanker angelsächsischer Schund (mit Verachtung für kontinentaleuropäisches Denken); eine pro-amerikanische, liberale und (gemäßigt) neokonservative Mischung. |
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Einige Gedanken zum "Neuen Mittelalter"
Der Begriff des "neuen Mittelalters" wurde – soweit ich das übersehen kann – von Nikolaj Berdjajew in seinem gleichnamigen Aufsatz von 1923 geprägt (übrigens ein hochinteressanter Philosoph). Der Begriff ist bei ihm ausdrücklich positiv besetzt, seine Erörterungen sind vorwiegend politisch-religionsphilosophischer Natur. Nachfolgend einige eher juristisch-staatstheoretische Überlegungen von mir. Im Gegensatz zur Neuzeit wurde Herrschaft im Mittelalter nicht in Form des Territorialstaates ausgeübt. Derselbe besteht – nach G. Jellinek – aus der Verbindung von Staatsgebiet, Staatsvolk und Staatsgewalt, die Herrschaftsgewalt über Personen ist also mit einem bestimmten Territorium verbunden. Das abendländische Mittelalter läßt sich hingegen als Gefüge unterschiedlicher Ordnungen, als "Verschachtelung von kleineren Rechtsgemeinschaften mit Teilkompetenzen" (Sprandel) verstehen. Es existierte viele verschiedene Rechtskreise, die nicht nur nebeneinander existierten, sondern sich z.T. auch überschnitten. Diese Vielfalt wurde mit der Herausbildung des modernen Staates, bis ins 19. Jh. hinein, zerstört; an ihre Stelle trat eine – von wenigen Ausnahmen abgesehen – einheitliche Rechtsordnung. Wie sieht es nun heute aus? Mit der Herausbildung supranationaler Strukturen in der zweiten Hälfte des 20. Jh., wofür die EU als hervorragendes Exempel dienen mag, wird Herrschaft über "Untertanen" wieder von verschiedensten Instanzen ausgeübt. Einige Politologen sprechen insoweit von Mehrebenensystemen. Das Neue an supranationaler Herrschaft war, daß sie direkt auf Einzelpersonen einwirken bzw. direkt von diesen angerufen werden konnte (im Gegensatz zum klassischen Völkerrecht, welches nur Staaten als Rechtssubjekte zugelassen hat). Das Individuum hat sich also nicht nur Befehlen staatlicher, sondern auch solchen überstaatlicher Instanzen zu fügen. (Dieser Aspekt tritt in Zentralstaaten wie Frankreich deutlicher zutage, während Bundesstaaten wie Deutschland sich immer einen "mittelalterlichen Restbestand" bewahrt haben.) Kein Staat ist mehr allzuständig und verfügt über eine umfassende Kompetenz-Kompetenz, seine "supremas potestas" (J. Bodin) ist nicht mehr erkennbar. Damit sind wir bei den Versuchen der letzten Jahrzehnte, Souveränität neu zu definieren. Einige Wissenschaftler und UN-Bürokraten verstehen dieselbe mittlerweile als eine gewissermaßen von der "Weltgemeinschaft" verliehene und nach Maßgabe ihrer Richtlinien ausgeübte Herrschaftsgewalt. Damit scheint die Weltgemeinschaft an die Stelle zu treten, die im Mittelalter die Christenheit bzw. das Reich als rechtliche (und ideelle) Anknüpfungspunkte eingenommen haben. Der Staat steht aber nicht nur von oben, sondern auch von unten unter Druck. Da ist zunächst die "Hypertrophie der Menschenrechte" zu nennen, der es weniger um die konkreten Rechte konkreter Personen als um eine Ideologie zu tun ist. Diese verbindet sich mit überstaatlichen Menschenrechtsgerichtshöfen und -kommissionen (z.B. EGMR) gegen die Staaten. Zweitens ist die Tendenz der Regionalisierung und des Staatszerfalls zu nennen. Selbstverständlich hat es immer föderale Staaten gegeben, aber die Tendenz, daß Gliedstaaten bzw. Regionen auch international agieren (z.B. durch eigene Vertretungen bzw. "Botschaften" oder durch Mitarbeit im EU-Ausschuß der Regionen) nimmt den Staaten ihre Dominanz in den internationalen Beziehungen. Bezüglich des letzten Punktes sind auch die transnationalen Aktivitäten von großen Wirtschaftsunternehmen und Nichtregierungsorganisationen zu erwähnen. Die von mir beschriebenen Tendenzen bringen gerade Staatsrechtslehrer seit einigen Jahren um den Schlaf. In Hunderten von Publikationen versuchen sie die derzeitigen Veränderungen von Staatlichkeit zu erfassen. So spricht etwa G. F. Schuppert ("Staatswissenschaft") von der "postnationalen [d.h. poststaatlichen, P.] Konstellation" als "kopernikanischer Wende", in ihr werde die Rechtsordnung pluralisiert und entstaatlicht, was schließlich "Governance without Government" zur Folge habe. Die bisher im Nationalstaat eng verbundenen Ressourcen von Staatlichkeit driften auseinander und fransen aus. Die Einzelperson ist also erneut gleichzeitig Bestandteil unterschiedlicher Rechtskreise, welche ihr sowohl Rechte konzedieren als auch Pflichten auferlegen. Diese Rechtskreise befinden sich auch in keinem harmonischen Verhältnis miteinander, sondern neigen zu Konflikten (Bsp.: Streitigkeiten zwischen EU/EG und ihren Mitgliedsstaaten). Desweiteren droht die klare Unterscheidung zwischen privatem und öffentlichem Recht, die typisch für den modernen Staat war, immer mehr zu verwischen. Es ist insgesamt ein gleichzeitiges Nebeneinander von universalistischen (Stichwort: Globalisierung) und partikularistischen Tendenzen zu beobachten. Deren Opfer ist auf jeden Fall der moderne Staat, dessen Ende C. Schmitt bereits in den 1940er Jahren verkündete. Als Ergebnis dieser kurzen Betrachtung läßt sich also durchaus festhalten, daß die Kennzeichnung der derzeitigen Entwicklungstendenzen von Recht und Staatlichkeit in Richtung eines "Neuen Mittelalters" durchaus treffend ist. Ob man diese Entwicklung eher zu begrüßen oder abzulehnen geneigt ist (als bekennender Etatist neige ich zu letzterem), steht freilich auf einem anderen Blatt. Edit: Leider habe ich im Internet bisher keine deutsche Übersetzung von Berdjajews Text gefunden, daher hier einstweilen das russische Original: http://www.philosophy.ru/library/berd/midl.html Von Paul am Fr, 21.7.2006, 22:17, bearbeitet, (2x) |
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Paul hat geschrieben:
Ansonsten argumentiert er stark normativ. Er fragt, ob eine multipolare Weldordnung wünschenswert ist (und verneint das). Ich finde nicht, daß Joffe eine mulitpolare Weltordnung prinzipiell (also normativ) ablehnt, sondern eine "westliche" Führungsrolle aus ganz handfesten politischen Gründen und Interessen für notwendig erachtet.
Zitat:
Als Universalist leugnet Joffe ferner die Bedeutung nationaler Interessen zugunsten einer Verfolgung übernationaler (Ordnungs-)Prinzipien. Auch wenn in der Geschichte häufig auch Ordnungsprinzipien verfolgt worden sind, so waren sie doch nie Selbstzweck, sondern dienten immer dazu, den Rahmen der politischen Interessenwahrnehmung zu bestimmen - nach dem Motto: Das Spiel muß weitergehen, darum müssen die Spielregeln eingehalten werden. Ordnungen als Selbstzweck oder zur Verwirklichung "gemeinsamer Werte" können langfristig nicht bestehen (wie etwa die Heiligen Allianz des 19. Jh.). Ich denke nicht, daß Joffe nationale Interessen leugnet. Ich sehe seine Definition nationaler Interessen eher als dauerhafter angelegte (gemeinschaftliche) Verfolgung von Zielen im Gegensatz zu kurzfristigen Erfolgen. Die EU ist ein ähnliches Projelt, wo Staaten sicherlich versuchen, ihre konkreten nationalen Interessen durchzusetzen, dies aber nicht in jedem Falle erfolgreich tun können, es aber dennoch in Kauf nehmen, weil die langfristigen Vorteile für alle Beteiligten (hoffentlich ) von Vorteil sind.
Wenn er z.B. schreibt "Peking sieht nur den Kollaps des Regimes in Pjöngjang, aber nicht den kommenden Rüstungswettlauf in Ostasien;" so beeinhaltet dies m.E. daß es langfristig auch für Chinas nationale Interessen besser wäre, hier mit den anderen Staaten zu kooperieren, als kurzfristig auf Vorteile zu heischen. Ähnlich sehe ich es auch mit der russischen Unterstützung des Iran und anderer radikaler Gruppen. Dauerhafte Vorteile wird es dadruch meines Erachtens nicht erlangen.
Zitat:
Schließlich erlaube ich mir, die alte Hobbes-Frage "Quis iudicabit?" zu stellen: Wer beschließt darüber, daß "freier Handel oder Kapitalverkehr" gut für die Welt bzw. die Weltwirtschaft sind? Wer oder was ist überhaupt die "Weltwirtschaft" und worin bestehen ihre Interessen? Daß freier Handel und Kapitalverkehr tendenziell den Wohlstand wesentlich stärker steigern als Protektionismus ist sowohl in der Empirie als auch in der Theorie erwiesen. Wirtschaftlicher Liberalismus war sicherlich eine der Grundlagen, die die globale Dominaz des Westens ermöglicht haben, ohne wirtschaftliche Macht jetzt direkt und zwingen in politische Macht umrechnen zu wollen.
Zitat:
Vermutlich ist sie der Kern dessen, was Joffe unter dem "Westen" versteht. Das läuft letztlich auf Ökonomismus anstelle des christlichen Abendlandes hinaus. Darauf scheinen sich auch die "gemeinsamen Werte des Westens" zu reduzieren (natürlich plus weltweite Verbreitung von Demokratie). Ich glaube nicht, daß Joffe einer rein ökonomischen Definition des Westens anhängt. "Westlichen" ökonomischen Maximen folgen ja auch die von Joffe kritisierten Nationen wie Indien und China. Daher würde ich den Kern des Westens bei Joffe in dem ausmachen, was er als "über den Tellerrand blicken" beschreibt. Daß das "christliche Abendland" aber nicht unbedingt eine zukunftsträchtige Defintion des Westens ist, wird einem bei jeder Fahrt mit der U-Bahn oder auch einer Überlandfahrt, wo schon kleine Dörfer Moscheen und Kulturvereine verschiedenster, und einesfalls christlicher, Provenienz haben, klar. Ohne die Türkei hat die EU bisher ca. 20 Millionen Mulime in ihren Grenzen, mit der Türkei werden es 100 Millionen sein. Dies bedeutet, daß sich natürlich auch die bislang auf christlichen Werten basierenden Wertvorstellungen langfristig ändern werden. Der zukünftige Europäer wird, da bin ich pessimistisch wie das IFS , kein christlicher Abendländer sein. Und dabei sehe ich nicht unbedingt Sizilien und Friedrich II sondern eher den Libanon als Modell. |
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Noch einmal zum Joffe-Text. Vorausschicken möchte ich, daß ich aufgrund meiner juristischen Ausbildung stark von der Unterscheidung zwischen Sein und Sollen geprägt bin. Vielleicht verstehe ich daher Joffe (und/oder Dich?) nicht ganz korrekt.
frei_sein hat geschrieben:
Ich denke nicht, daß Joffe nationale Interessen leugnet. Ich sehe seine Definition nationaler Interessen eher als dauerhafter angelegte (gemeinschaftliche) Verfolgung von Zielen im Gegensatz zu kurzfristigen Erfolgen. Die EU ist ein ähnliches Projelt, wo Staaten sicherlich versuchen, ihre konkreten nationalen Interessen durchzusetzen, dies aber nicht in jedem Falle erfolgreich tun können, es aber dennoch in Kauf nehmen, weil die langfristigen Vorteile für alle Beteiligten (hoffentlich ) von Vorteil sind. Sein Konzept von Weltordnung ist universalistisch, also raum- und zeitübergreifend. Seit Kants "Ewigem Frieden" und dem Gefangenendilemma in der Ökonomie wissen wir, daß theoretisch Kooperation (statt Konflikt) am besten wäre. Aber eben nur theoretisch.
frei_sein hat geschrieben:
Wenn er z.B. schreibt "Peking sieht nur den Kollaps des Regimes in Pjöngjang, aber nicht den kommenden Rüstungswettlauf in Ostasien;" so beeinhaltet dies m.E. daß es langfristig auch für Chinas nationale Interessen besser wäre, hier mit den anderen Staaten zu kooperieren, als kurzfristig auf Vorteile zu heischen. Ähnlich sehe ich es auch mit der russischen Unterstützung des Iran und anderer radikaler Gruppen. Dauerhafte Vorteile wird es dadruch meines Erachtens nicht erlangen. Wenn ich die Außenpolitik Rußlands betrachte, vermag ich keine Unterstützung des Iran zu erkennen. Nur unterscheidet sich der russische Stil erheblich vom westlichen: Außenpolitik und Diplomatie werden viel eher als Kräftespiel denn als quasi heilsgeschichtliche Vorgänge aufgefaßt. Ähnlich sieht es auch mit China aus (das bekanntlich von den USA als der Rivale eingestuft wird, daher auch die ganz "uneigennützige" Analyse Joffes ). Und warum sollte China als stärkste Regionalmacht Nordkorea oder gar einen Rüstungswettlau in Ostasien fürchten?
Die Kritik an Rußland und China kommt nicht von ungefähr. Beide betreiben eigene Interessenpolitik anstatt sich den Vorgaben aus Washington mehr oder weniger freiwillig zu beugen und negieren so deutlich den Hegemonialanspruch der USA. (Wie hat Brzezinski in einem Interview einmal ganz "freundlich"-knurrig gesagt: Rußland habe nur die Möglichkeit, sich dem Westen anzuschließen, und zwar zu den Bedingungen des Westens.) Joffes Einlassungen zur Weltwirtschaft laufen entweder auf eine ökonomisch-theoretische Lösung hinaus (Wirtschaft wird streng losgelöst von der Politik betrachtet) oder auf eine Subordination der Wirtschaft unter die Politik. (Das Lob des Freihandels in der Wirtschaftswissenschaft ist mir bekannt, er brächte freilich nur bei wirklich weltweiter Umsetzung die erhofften Vorteile. Welcher Staat ist bereit, wirklich weltweiten Freihandel zuzulassen?) Noch einmal: Ich bezweifle das Vorhandensein irgendwelcher universaler Interessen (Ausnahme: gewisse Grundlagen der internationalen Politik, die ich oben als Spielregeln bezeichnet habe). Und die derzeitige Weltordnung ist m.E. zumindest faktisch multilateral.
frei_sein hat geschrieben:
Daß das "christliche Abendland" aber nicht unbedingt eine zukunftsträchtige Defintion des Westens ist, wird einem bei jeder Fahrt [...] klar. [...]
Der zukünftige Europäer wird, da bin ich pessimistisch wie das IFS, kein christlicher Abendländer sein. Und dabei sehe ich nicht unbedingt Sizilien und Friedrich II sondern eher den Libanon als Modell. Ob man das Mittelalter jetzt an dieser Person festmachen muß, mag hier dahingestellt bleiben. Die Unterschiede zum Libanon scheinen mir jedoch nicht allzu groß zu sein: - divergierende und konkurrierende weltliche wie religiöse Machtansprüche, damit einhergehender Auflösung der Zentralgewalt; - Verlust des staatlichen Gewaltmonopols und damit Ausbreiten von Fehden u.a. privater Ausübung physischer Gewalt (auch deren kollektive Anwendung obliegt nichtstaatlichen Kleingruppen - vgl. Martin van Creveld: Die Zukunft des Krieges) ... usw. Ein Soziologe würde wahrscheinlich formulieren, daß der Libanon nie zu einem modernen Staat geworden ist, sondern immer noch in quasi mittellterlichen Strukturen verharrt (keine Trennung von Religion und Staat; kein großes Vertrauen in Institutionen, stattdessen starke Bedeutung von Familien- und Clanstrukturen; Fehlen einer echten, das ganze Land erfassenden Staatsgewalt etc.). Daß das "Neue Mittelalter" keine Rückkehr zum christlichen Abendland bedeutet, dürfte klar sein (ich teile insofern auch den Pessimismus des IfS). Daß es aber - wie Berdjajew prognostiziert hat - stark religiös geprägt sein wird, daran dürfte m.E. kein Zweifel bestehen. Der Säkularismus befindet sich doch weltweit auf dem Rückzug. |
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Zitat:
Noch einmal: Ich bezweifle das Vorhandensein irgendwelcher universaler Interessen (Ausnahme: gewisse Grundlagen der internationalen Politik, die ich oben als Spielregeln bezeichnet habe). Und die derzeitige Weltordnung ist m.E. zumindest faktisch multilateral. Darin stimme ich Dir natürlich zu. Die tägliche Erfahrung lehrt uns, daß die Welt multipolar ist. Auch werden wir uns wohl einigen können, daß die Schaffung der UNO zwar nicht zuletzt normativ begründet war, aber de facto eher der Sphäre zugehörig ist, die wie Du schreibst, dafür sorgt, daß das Spiel, mit gewissen Regeln, weitergeht. ----------------- Die von Paul konstatierte Auflösung und Aufweichung der Machtposition und ihrer Befungnisse und Fähigkeit, auf den Bürger einzuwirken, kann natürlich auch darin begründet sein, daß die Nationalstaaten ihre Aufgabe, partikulare Einzelinteressen aggregiert zu vertreten, nicht mehr erfüllen können. Denn wenn man nicht davon ausgeht, daß Nationalstaaten, quasi als "völkische" Schicksalsgemeinschaft ein mythisches Ziel "nationales Interesse" vertreten, so kann man nationale Interessen natürlich als durch politische Prozesse artikulierte Partikularinteressen werten. Daß diese sich ausgerechnet im Rahmen des Nationalstaats äußern, wäre dann das Ergebnis eines zufälligen und nicht per se dauerhaften gesellschaftlichen Komment darüber, wie politische Prozesse ablaufen, und der sich in dieser Form im 18. Jahrhundert entwickelte, als die Dynastien, auch in der Eigensicht, gegenüber den Nationen am deutlichsten zurücktraten. Allerdings bin ich weder ein Feind des Nationalstaats noch ein Prophet der baldigen Auflösung. So vertritt die islamische Geistlichkeit zwar offiziell eine überstaatliche, auch politische Idee der Ummah, aber de facto spielen auch hier die Nationalstaaten die wichtigste Rolle. (Den Rest morgen, hier ist es immer noch zu heiß) |
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Paul hat geschrieben:
Und die derzeitige Weltordnung ist m.E. zumindest faktisch multilateral. Ich sollte bei der Hitze nicht so viel schreiben. Es muß in dem Satz oben natürlich multipolar heißen.
frei_sein hat geschrieben:
Die von Paul konstatierte Auflösung und Aufweichung der Machtposition und ihrer Befungnisse und Fähigkeit, auf den Bürger einzuwirken, kann natürlich auch darin begründet sein, daß die Nationalstaaten ihre Aufgabe, partikulare Einzelinteressen aggregiert zu vertreten, nicht mehr erfüllen können. [...] Ein interessanter Gedanke, ich bin auf Deine weiteren Ausführungen gespannt. Wohlgemerkt: Ich behaupte nicht die Auflösung des Nationalstaates, wohl aber seinen erheblichen Einfluß- und Bedeutungsverlust. Im übrigen danke für Deine Zustimmung. (Wünsche allseits eine kühle Nacht. ) |
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paul hat geschrieben:
Daß das "christliche Abendland" aber nicht unbedingt eine zukunftsträchtige Defintion des Westens ist, wird einem bei jeder Fahrt mit der U-Bahn oder auch einer Überlandfahrt, wo schon kleine Dörfer Moscheen und Kulturvereine verschiedenster, und einesfalls christlicher, Provenienz haben, klar. Ohne die Türkei hat die EU bisher ca. 20 Millionen Mulime in ihren Grenzen, mit der Türkei werden es 100 Millionen sein. Dies bedeutet, daß sich natürlich auch die bislang auf christlichen Werten basierenden Wertvorstellungen langfristig ändern werden. Der zukünftige Europäer wird, da bin ich pessimistisch wie das IFS Zwinkern, kein christlicher Abendländer sein. Und dabei sehe ich nicht unbedingt Sizilien und Friedrich II sondern eher den Libanon als Modell. Paul, Du sprichst mir aus der Seele! Ich werde bei Gelegenheit hierzu etwas schreiben, ich muss meine Gedanken noch sammeln. |
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Raistlin hat geschrieben:
Paul, Du sprichst mir aus der Seele! Raistlin, zuviel des Lobes , diese Sätze stammen von frei_sein. |
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Okay, ich glaube die Hitze macht auch mir zu schaffen - dann vielen Dank an frei_sein!
Nun, wie gesagt ich bin in einer pessimistischen Grundstimmung über unsere Zukunft und werde das die nächste Zeit auch (länger) artikulieren. Gerade habe ich jedoch den "Zustand völliger geistiger Leere" (klingt ein bischen nach Zen, nicht wahr?) nach dem Mittagessen erreicht |
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Ganz kurz zum Libanon, bitte. Ich wäre da nicht ganz so pessimistisch wie ihr. Die Verfassung dieses Staates, die sich ja gerade bemüht, die tribalen und konfessionellen Strukturen, das "Vormoderne" des Gemeinwesen mithin, zu berücksichtigen und in einen politischen Proporz umzusetzen, gibt es nun immerhin schon seit sage und schreibe 1926. Mir scheint sie geradezu ein Vorbild beispielsweise für den Irak zu sein - ein sicher problematischer und wie alles Menschenwerk fehlerbehafteter Versuch, einem orientalischen Gemeinwesen in eine halbwegs funktionsfähige staatliche Ordnung zu geben: Eine nicht-depotische, das ist das bemerkenswerte.
Gut, die entscheidende Frage ist sicher: Funktioniert so etwas ohne ausländische Schutzmacht? Die Syrer sind nun - den USA sei's gedankt - weg und können die Ordnungsfunktion, die sie 25 Jahren lang recht erfolgreich ausgeübt haben, eben nicht mehr ausüben. Dennoch meine ich, daß man den Orient nicht zu bemüht an europäischen Staatsrechtsvorstellungen messen sollte. Und Patronage-und-Klientel-Systeme gibt's bekanntlich auch in Mitteleuropa. Nicht nur in Sizilien, sondern sogar in Bayern. Und die Trennung von Kirche und Staat ist bekanntlich auch in Deutschland nicht komplett vollzogen worden, wie uns ein Blick auf eine x-beliebige Lohnsteuerkarte zeigt. |
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Harki, der Libanon war von frei_sein wohl nur als Beispiel in dieser eher grundsätzlichen Deabatte gedacht.
Harki hat geschrieben:
Dennoch meine ich, daß man den Orient nicht zu bemüht an europäischen Staatsrechtsvorstellungen messen sollte. Und Patronage-und-Klientel-Systeme gibt's bekanntlich auch in Mitteleuropa. Nicht nur in Sizilien, sondern sogar in Bayern. Und die Trennung von Kirche und Staat ist bekanntlich auch in Deutschland nicht komplett vollzogen worden, wie uns ein Blick auf eine x-beliebige Lohnsteuerkarte zeigt.Ich selbst bin kein Eurozentriker, doch hat der Libanon eben nie den Grad europäischer Staatlichkeit erreicht. Das muß nicht abwertend gemeint sein, sondern stellt einfach eine Feststellung dar. Eine strikte Trennung von Religion und Staat wie in Frankreich besteht hierzulande nicht, doch ist die Verquickung von beiden im Mittleren Osten doch erheblich stärker, nicht nur im Libanon, sondern etwa auch in Israel. Auch in Europa lassen sich doch solche Tendenzen beobachten. Das Christentum profitiert (noch) nicht davon (außer vielleicht in Polen), aber andere (pseudo-)religiöse Gruppen. Hier seien stichwortartig nur Multikulti und "Antidiskriminierung" sowie das davon begünstigte Ausbreiten islamischer Gemeinden (teilweise verdichtet zu Parallelgesellschaften) genannt, die immer mehr Sonderrechte für sich beanspruchen. Und gleichzeitig fürchten sich Politiker in Europa, dies als Problem wahrzunehmen. Spätestens wenn islamische "Bürgerwehren" oder islamische Rechtsvorstellungen (etwa der Scharia) in einem europäischen Rechtssystem Anerkennung finden (und sei es auch nur in Urteilsbegründungen zu Ehrenmorden), ist der moderne europäische Staat am Ende, da er parallele Strukturen akzeptiert statt sich dagegen durchzusetzen. Wahrscheinlich muß man, um dem "neuen Mittelalter" gerecht zu werden, neben solchen juristischen Überlegungen auch soziologische anstellen. Ich denke hier an die Debatten, die um Begriffe wie Brasilianisierung, Fragmentierung und Parallelgesellschaften kreisen. |
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Edit: Beitrag verschoben.
Von Paul am Do, 27.7.2006, 17:07, bearbeitet, (1x) |
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