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Wer die restlose kapitalistische Durchdringung der Welt ablehnt und bekämpft, wäre ein Reaktionär, der sich gegen das Unvermeidliche stellt. Nicht erst bei Spengler, auch bei Marx kann man nur das Notwendige wollen oder garnichts.
Da liegt der Fehler ... |
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Ich habe schon vor unzähligen Jahren, als ich das Manifest zum ersten Mal las, gedacht, dass Marx so etwas wie Neid gegenüber der Bourgeoisie empfand und vielleicht auch Zweifel an der Leistungsfähigkeit des eigenen Klientels. Nur zur Erinnerung. Die Analyse des Kapitalismus hat den Trierer eigentlich nur insofern interesssiert, als er seine Überwindung als gesetzmäßig, man könnte auch sagen "spontan" hinstellen konnte. Die proletarische Revolution nicht nur als notwendig, sondern als unausweichlich zu begründen, darin sah er seine eigentliche Leistung. Das berühmte: Wir kennen die Gesetze der Geschichte. Damit ist er total gescheitert. Insofern ist er ein für allemal widerlegt und zwar durch die Geschichte. Daran ändern auch die verschiedensten Wiederbelebungsversuche nichts.
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Ich denke, die Essenz der marxistischen Variante der bürgerlichen Geschichtsphilosophie liegt gerade nicht in einer vermittlungslosen Feindschaft gegenüber dem kapitalistischen Modernisierungsprozeß (wie sie für die damaligen Konservativen typisch war, die sich dem bürgerlichen Liberalismus mitsamt Freihandel und dem Prinzip der Unverletzlichkeit des Privateigentums entgegenstemmten). Gerade im vormärzlichen Deutschland, das, kaum industrialisiert, aber dicht bewaldet, in vormodernen Verhältnissen dahinschlummerte, mußte Marx zu einem Propagandisten der Industrialisierung und der bürgerlichen Revolution werden. Die Schriften jener Periode bezeugen auf Schritt und Tritt Marxens Verzweiflung an dem Umstande, daß in Deutschland eine Bourgeoisie als natürliche Trägerin des wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritts noch kaum vorhanden war. Engels, selber Fabrikant, schrieb dazu:
Zitat:
Während in England seit dem siebzehnten, in Frankreich seit dem achtzehnten Jahrhundert sich eine reiche und mächtige Bourgeoisie bildete, kann in Deutschland erst seit dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts von einer Bourgeoisie die Rede sein. Bis dahin existierten allerdings einzelne reiche Reeder in den Hansestädten, einige reiche Bankiers im Inlande, aber keine Klasse von großen Kapitalisten, und am allerwenigsten von großen industriellen Kapitalisten. Der Schöpfer der deutschen Bourgeoisie war Napoleon. Sein Kontinentalsystem und die durch seinen Druck in Preußen nötig gemachte Gewerbefreiheit gaben den Deutschen eine Industrie und dehnten ihren Bergbau aus. Diese neuen oder ausgedehnten Produktionszweige wurden schon nach wenig Jahren so wichtig und die durch sie geschaffene Bourgeoisie so einflußreich, daß schon 1818 die preußische Regierung sich genötigt sah, ihnen Schutzzölle zu bewilligen. Dies preußische Zollgesetz von 1818 war die erste offizielle Anerkennung der Bourgeoisie durch die Regierung. Man gestand ein - freilich schweren Herzens und widerwillig genug -, daß die Bourgeoisie eine für das Land unentbehrliche Klasse geworden sei. Die <46> nächste Konzession an die Bourgeoisie war der Zollverein. Die Aufnahme der meisten deutschen Staaten in das preußische Zollsystem wurde zwar ursprünglich durch bloß fiskalische und politische Rücksichten veranlaßt, kam aber niemand zugut als der deutschen, ganz besonders der preußischen Bourgeoisie. Wenn der Zollverein hie und da dem Adel und der Kleinbürgerschaft einige Detailvorteile gebracht hat, so schadete er beiden doch weit mehr im ganzen und großen durch den Aufschwung der Bourgeoisie, die lebhaftere Konkurrenz und die Verdrängung der bisherigen Produktionsmittel. Seitdem hat sich die Bourgeoisie namentlich in Preußen ziemlich schnell entwickelt. Wenn sie auch während der letzten dreißig Jahre bei weitem nicht den Aufschwung genommen hat wie die englische und französische Bourgeoisie, so hat sie doch die meisten Zweige der modernen Industrie eingeführt, in einigen Distrikten den bäuerlichen oder kleinbürgerlichen Patriarchalismus verdrängt, die Kapitalien einigermaßen konzentriert, einiges Proletariat erzeugt und ziemlich lange Strecken Eisenbahnen gebaut. Sie hat es wenigstens dahin gebracht, daß sie jetzt entweder weitergehen, sich zur herrschenden Klasse machen oder auf ihre bisherigen Eroberungen verzichten muß; dahin, daß sie die einzige Klasse ist, die für den Augenblick in Deutschland einen Fortschritt machen, für den Augenblick Deutschland regieren kann. Sie ist bereits faktisch die leitende Klasse in Deutschland, und ihre ganze Existenz hängt davon ab, daß sie es auch rechtlich wird.
(...) Existiert nun diese Klasse, die den Status quo stürzen kann, in Deutschland? Sie existiert, allerdings verglichen mit der entsprechenden Klasse in England und Frankreich, in etwas sehr kleinbürgerlicher Weise, aber sie existiert doch, und zwar in der Bourgeoisie. Von Coriolan am Di, 11.12.2007, 1:45, bearbeitet, (1x) |
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aber dicht bewaldet, in vormodernen Verhältnissen dahinschlummerte, Vorsicht mit dem "dicht bewaldet", würde ich sagen. Urwald gibt es in Deutschland seit dem späten Mittelalter nicht mehr. Der Harz war im Hochmittelalter so kahl wie heute Irland. Meine Fresse, "dicht bewaldet", "vormodern", "kein Bougeoisie". Wie plump. D hat die Fugger, die Welser und meinetwegen auch die Hanse hervorgebracht. Vor mir liegt gerade zufälligerweise die 2. Abteilung der Hanserezesse, herausgegeben von Goswin von der Ropp, 5. Band erschienen 1888. Da werden recht bourgeoise Verhandlungen in den 60er Jahren des 15. Jahrhunderts protokolliert - und nicht gerade im Tiefen Westen Deutschlands. Von Harki am Di, 11.12.2007, 9:06, bearbeitet, (1x) |
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Harki, soweit ich Coriolan verstehe, geht es um die Bourgeoisie als Träger der Industrialisierung. Und die war in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in Deutschland tatsächlich nur ansatzweise vorhanden.
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Was? Industrialisierung oder Bürgertum? Oder Bourgeoisie im maxistischen Sinne?
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Nicolas hat geschrieben:
Exakt. Und die 68er haben sich überwiegend auf diesen Schrott bezogen und es steht von ihrer Seite noch immer das Eingeständnis eines Fehlweges aus. Zwar wird nicht mehr großmäulig von Revolutionen und Klassenkampf gesprochen, dafür wird aber mit sozialistischen Unfug wie mit Devotionalien um sich geschmissen, weil das in der breiten Masse inzwischen sehr gut ankommt. Quasi die täglichen Pillepalle-Revolutionen, wobei das Wort "soziale Gerechtigkeit" immer gut kommt.
Die proletarische Revolution nicht nur als notwendig, sondern als unausweichlich zu begründen, darin sah er seine eigentliche Leistung. Das berühmte: Wir kennen die Gesetze der Geschichte. Damit ist er total gescheitert. Insofern ist er ein für allemal widerlegt und zwar durch die Geschichte. Daran ändern auch die verschiedensten Wiederbelebungsversuche nichts. Ausserdem sind die Linken (und ihr epidemisches Aufkommen als sogenannte 68'er) in einem anderen Punkt wiederlegt, ohne das dies von ihnen eingestanden wird, nämlich das die Persönlichkeit eines Menschen eben nicht gänzlich (nicht mal hauptsächlich) von Umwelteinwirkungen abhängt. Solange die 68'er ihren Lebenslügen - wenn auch vielfach nostalgisch, aber auch instrumentalisierend - nachhängen, solange ist "keine Gnade" mit ihnen angesagt. Sie sind die Ewiggstrigen, die das Heute und Morgen belasten. |
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Bürgertum ist nicht gleich Bourgeoisie. Bürgertum ist das Milieu, dessen Spätzeit Thomas Mann in den Buddenbrooks beschrieben hat. Anders als sein ungleicher westlicher Bruder, der in der Figur des "Rhetor-Bourgeois von 1789" seine weltgeschichtliche Verkörperung fand, war dieses traditionelle deutsche Bürgertum niemals politisch oder revolutionär.
Zitat:
(aus: Thomas Mann; Betrachtungen eines Unpolitischen, 2. Auflage, Berlin 1919, S. 82)
War es nicht so: das bürgerliche Zeitalter unserer Geschichte, das auf das geistliche und ritterliche folgte, das Zeitalter der Hansa, das Zeitalter der Städte, es war ein reines Kulturzeitalter, kein politisches, der Bürger trat das Erbe des Ritters nicht an. Dies Zeitalter war jedoch national in höchstem Grade, national mit Bewußtsein, nach Gewand und Haltung; man hat die bürgerliche Kultur die erste rein nationale genannt. Welche Epoche ist es, die den Möser, den Fichte als die eigentliche Glanzzeit deutscher Geschichte erschien ? Es ist diese, es ist die Blütezeit der deutschen Hansa. Die Geschichte der deutschen Städte, sagt Treitschke mit einem Ton der Verteidigung, sei "etwas durchaus Patriotisches gewesen", und Geschichtsschreiber, die es beklagen, ja ein deutsches Verhängnis nennen, daß der politische Bund zwischen Monarchie und Bürgertum, die Begründung des Nationalstaates, wie sie sich in anderen Ländern damals vollzog, in Deutschland versäumt wurde, rühmen laut die Bedeutung dieser Geschichte für die Vertiefung deutschen Wesens. Ja, die Vertiefung des deutschen Typus - ich lese es nach und erinnere mich, daß es wahr ist - sie ist das Werk dieser unpolitischen Bürgerkultur, dieser Zeit einer behaglich-genauen, helläugig-satirischen Alltagsgestaltung, der Zeit der Predigt und Mystik, der Fastnachtsspiele, Rechtsbücher und Chroniken (...) einer Zeit des Aufschwungs deutscher Individualität nach dem einen, der Demokratisierung des Persönlichkeitsbegriffs nach dem anderen Historiker, der Zeit innigst-würdiger, national-meisterlicher Griffelkunst und Malerei - dieser Zeit, mit einem Wort, die es bewirkte, daß in deutscher Sphäre Bürgerlichkeit und Geistigkeit innig sinnverwandte Wörter geblieben sind. Mit seinem Hohn wider die "souveräne Kanaille" und die "deutschen Brüder" war Arthur Schopenhauer, der Danziger Patriziersohn, ein typischer Vertreter des apolitischen deutschen Bürgertums. Die Industriellen, die zwanzig Jahre später Bismarck als Berater in Wirtschaftsfragen rekrutierte, waren durchweg alte Achtundvierziger - weswegen Wilhelm I. seinem Ministerpräsidenten untersagte, in Gesellschaft dieser Herren bei Hofe zu erscheinen. Krupp, Borsig, Siemens, Henschel - die Väter der deutschen Industrialisierung, waren, ehe sie besitzende Klasse wurden, erst einmal Erfinder gewesen. Die geistigen und kulturellen Überlieferungen des traditionellen Bürgertums waren ihnen fremd. Sie waren Parvenues. Eine Ausnahme war Werner v. Siemens, der einer Goslarer Patrizierfamilie entstammte. Von Coriolan am So, 16.12.2007, 16:21, bearbeitet, (5x) |
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Zitat:
Ausserdem sind die Linken (und ihr epidemisches Aufkommen als sogenannte 68'er) Muß man daran erinnern, daß es die Regierung der 68er-Generation war, welche die Schranken niederriß, die einem Ausverkauf der deutschen Wirtschaft an internationale Finanzinvestoren im Wege standen ? Wenn man von einer Regierung sagen kann, sie habe dem Neoliberalismus in Deutschland zum Durchbruch verholfen, dann von dieser. Die Formierung der Linkspartei ist nichts anderes, als die Panikreaktion des marginalisierten traditionssozialistischen Elements auf diese Vorgänge. Andererseits fehlt es in der radikalen Linken nicht an Ideologen, die die Globalisierung emphatisch bejahen, weil sie - so liest man - mit dem "rheinischen Kapitalismus" der "nationalen Leistungsgemeinschaft" den Garaus macht, und manches spricht dafür, daß diese Haltung von vielen der zum Establishment zählenden 68er geteilt wird. Anläßlich der Kontroverse um das Buch des linken Historikers Götz Aly, Hitlers Volksstaat, wurde der Riß, der in dieser Frage durch die Gemeinschaft der Veteranen von 1968 geht, erstmals offenbar: http://www.zeit.de/2005/19/P-Aly?page=1 Von Coriolan am Sa, 25.4.2009, 17:36, bearbeitet, (1x) |
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D hat die Fugger, die Welser und meinetwegen auch die Hanse hervorgebracht. Schon, schon...aber der sich entwickelnde Überseehandel mit der Neuen Welt und der Dreißigjährige Krieg hatten die frühneuzeitliche deutsche Marktwirtschaft in der Wiege erdrosselt. Als das Zeitalter der Industrialisierung anbrach, war die Herrlichkeit der großen Handelshäuser und der Hansa nur noch eine ferne Erinnerung. Von Coriolan am Di, 11.12.2007, 17:15, bearbeitet, (1x) |
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Coriolan hat geschrieben:
Schon richtig, aber bei der Deregulierung und Öffnung von Märkten ging es den Einsichtigen (dazu zähle ich etwa Schröder) um die Überlebenssicherung der Sozialsysteme, während bei anderen so was wie "Deutschland verrecke" auf neuen Wegen eine Rolle gespielt haben mag (ich muss da etwa an Trittin denken). Der Begriff "Neoliberalismus" ist übrigens Schmu.
Zitat:
Muß man daran erinnern, daß es die Regierung der 68er-Generation war, welche die Schranken niederriß, die einem Ausverkauf der deutschen Wirtschaft an internationale Finanzinvestoren im Wege standen ? Wenn man von einer Regierung sagen kann, sie habe dem Neoliberalismus in Deutschland zum Durchbruch verholfen, dann von dieser.Ausserdem sind die Linken (und ihr epidemisches Aufkommen als sogenannte 68'er)
Zitat:
Das ist keine Panikreaktion sondern ein "natürlicher" Reflex linker Denkrichtung. Natürlich ist es aber auch so, dass eine Mischung von Globalisierung und Sozialismus allein schon rechnerisch ein Absinken des deutschen Lebensstandard auf einen sich ergebenen weltweiten Wohlstandsdurchschnitt bedeutet. Das ist aber Linken egal, weil die Internationale und nicht das Nationale zählt.
Die Formierung der Linkspartei ist nichts anderes, als die Panikreaktion des marginalisierten traditionssozialistischen Elements auf diese Vorgänge.
Zitat:
Überspitzt gesagt die Deutschland-verrecke-Mentalität.
Andererseits fehlt es in der radikalen Linken nicht an Ideologen, die die Globalisierung emphatisch bejahen, weil sie - so liest man - mit dem "rheinischen Kapitalismus" der "nationalen Leistungsgemeinschaft" den Garaus macht, und manches spricht dafür, daß diese Haltung von vielen der zum Establishment zählenden 68er geteilt wird.
Zitat:
Danke für den Link. Es ist interessant, wie gezwungen der Autor Michael Wildt die NS-Sozialpolitik gaaaanz anders als die aktuelle Sozialpolitik darstellen möchte. Dabei muss er arg konstruieren. Wenn er beispielsweise schreibt "Die nationalsozialistische Zielperspektive war jedoch keineswegs eine moderne, leistungs- und aufstiegsorientierte Individualgesellschaft freier Bürger, sondern eine rassistisch formierte »Volksgemeinschaft«, die Elitebildung und Vorwärtskommen nicht nur von Leistung, sondern ebenso von biologistischen Kriterien abhängig machte. Richtig ist, dass heute natürlich "biologistische Kriterien" keine Rolle spielen. Es zeigt jedoch die typisch verbohrte und immer billiger werdende Frechheit eines Alt-68er mit diesem richtigen Zugutehalten, das unbestritten ist (eben auch von Aly unbestritten ist), zugleich Unrichtiges in die Welt zu setzen. Denn ist die heutige Sozialstaatlichkeit etwa eine moderne, leistungs- und aufstiegsorientierte Individualgesellschaft freier Bürger, nur weil man nicht mehr rassistisch ist? Anläßlich der Kontroverse um das Buch des linken Historikers Götz Aly, Hitlers Volksstaat, wurde der Riß, der in dieser Frage durch die Gemeinschaft der Veteranen von 1968 geht, erstmals offenbar:
http://www.zeit.de/2005/19/P-Aly?page=1 .. |
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Zitat:
solange ist "keine Gnade" mit ihnen angesagt Die Achtundsechziger sind`s, die Gnade auszuteilen haben, nicht unsereiner. Und daran wird sich, wie die Dinge liegen, so bald nichts ändern. Rechte Verdammungsurteile gegen "1968" haben verzweifelte Ähnlichkeit mit den offizielle Amtlichkeit nachäffenden "Todesurteilen" linker Guerillagruppen - nur daß diese ab und zu vollstreckt wurden. Der SPIEGEL-Titel ist wohl als Ablenkungsmanöver zu verstehen. Diskutiert man `68 unter dem Gesichtspunkt, ob "nicht alles schlecht war" (damals !), gerät die wirkliche Dimension des Problems aus dem Blick. Wer würde über die infantilen Räuber- und Gendarm-Spiele der 68er noch ein Wort verlieren, wären sie wirklich nur Episode und nicht der Auftakt einer Kulturrevolution gewesen ? Vielleicht könnte man sich der Meinung, nicht alles sei schlecht gewesen, sogar anschließen, wenn die Akteure in ihre Hörsäle zurückgekehrt und ehrbare Mitglieder der Gesellschaft geworden wären. Von Coriolan am Di, 24.3.2009, 15:27, bearbeitet, (4x) |
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Ich bringe das mal hier unter... In diesen ziemlich beklemmenden Artikel über die Zustände in kirchlichen Kinderheimen in den 50er und 60er Jahren bin ich an einem sonnigen Morgen hineingerutscht:
„Wir dachten, wir retten diese Kinder“
Zitat:
Denn der Petitionausschuss des Bundestags hat angesichts einer Fülle von Klagen ehemaliger Heimkinder nach zwei Jahre dauernden Vorarbeiten, Anhörungen und Rechtsberatungen Ende 2008 empfohlen, einen Runden Tisch über die Folgen der Heimerziehung in den fünfziger und sechziger Jahren einzurichten. Der Runde Tisch nahm seine Arbeit im Februar unter Moderation der Grünen-Politikerin, früheren Bundestagsvizepräsidentin und Theologin Antje Vollmer auf. Vorausgegangen war eine Petition ehemaliger Heimkinder, in der sie um Anerkennung erlittenen Leids und Wiedergutmachung in Form von therapeutischen Hilfen, Opferentschädigungen und nachträglich anerkannten Rentenansprüchen baten. Und daß es die geschilderten Zustände in Deutschland heute nicht mehr gibt, verdanken wir eben auch den "68ern". Wem sonst? |
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Noch einmal der alt-linke Zyniker Wolfgang Pohrt:
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Man versteht den Zusammenhang zwischen deklariertem Ziel und wirklichem Zweck besser, wenn man nochmal das Modell Protestbewegung memoriert. Sie war ein Musterbeispiel dafür, welche Komponenten zusammenkommen müssen, wenn es gilt, die Lebensverhältnisse veränderten Verwertungsbedingungen des Kapitals anzupassen. Außer der treibenden Kraft, eben der kapitalistischen Notwendigkeit, bedarf es der hohen Ideale und der niedrigen Beweggründe.
Auf ihre niedrigen Beweggründe reduziert, war die Protestbewegung Generationenkonflikt, der am radikalsten von der RAF ausgetragen wurde, welche die Inhaber guter Jobs auf direktem Wege entfernte. Der Hintergrund: Die Nachkriegs- und Wiederaufbaugeneration war lästig geworden, sie hielt die Führungspositionen in Wirtschaft, Medien und Politik besetzt und versperrte der aufstiegswilligen akademischen Jugend den Weg nach oben ins Establishment. Deshalb war die nachdrängende Jugend so versessen darauf, belastendes Material über die Elterngeneration auszugraben. Und davon gab es in der Tat genug. Damit und mit etwas sozialistischer Gesinnung bewaffnet, wurde dann in Zeitungsredaktionen, soziologischen Instituten und philosophischen Seminaren der Aufstand geprobt, wobei es um Posten und Macht ging, also um begehrte Jobs, nicht um Kapitalismus oder Sozialismus, und manche, wie Fischer und seine Clique zum Beispiel, sind irgendwann auch tatsächlich ans Ziel ihrer Jugendwünsche gekommen. Zum anderen wurde die Protestbewegung gebraucht, um aufzuräumen mit einer Reihe von bürgerlichen Moralvorstellungen und Lebensformen, welche der Kapitalverwertung im Wege zu stehen begannen. Die Kritik an der Familie und der Rolle der Frau darin hat sich ungeheuer segensreich auf die Beschäftigungsquote ausgewirkt. Das wäre die kapitalistische Notwendigkeit oder die treibende Kraft. Am wenigsten durften das alles die Protestbewegten selber ahnen, denn erst die hohen Ideale machten aus den niedrigen Beweggründen, also Aufstiegswillen, und der treibenden Kraft, also dem gesellschaftlichen Bedarf, eine erfolgreiche Massenbewegung. Die Beteiligten hielten sich für Revolutionäre und Antifaschisten. Sie mußten das tun, sonst hätte die ganze Konstruktion nicht funktioniert. Folglich mußten sie sich auch einbilden, von der Konterrevolution und den Nazis umstellt zu sein und angegriffen zu werden. Die Protestbewegung war eine Bewegung der hundert letzten Gefechte, ganz gleich ob es dabei um die Notstandsgesetze, das politische Mandat oder um eine neue Prüfungsordnung ging. Am Ende war der Vorrat an externen Nazis und Konterrevolutionären aufgebraucht. So suchte und fand man den Gegner eben in den eigenen Reihen. Aus: Wolfgang Pohrt; FAQ, Edition Tiamat, 1. Auflage, Berlin 2004, S. 43 f. Les choses sont contre nous |
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In dieser Interpretation nähern sich links und rechts ja ziemlich stark an, danke für den Text. Wenn ich mich recht erinnere, argumentiert Mohler im Essay "Sex und Politik" bezogen auf die Marktfähigmachung der Sexualität ähnlich.
Lady Basildon: Ah! I hate being educated! Mrs. Marchmont: So do I. It puts one almost on a level with the commercial classes, doesn't it? |
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