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Das ist der Titel der heutigen "kleinen" Leitglosse der FAZ von Zastrow. Auch der Inhalt bringt einiges sehr klar auf den Punkt - und die Überschrift ist allemal ein guter (und weckender) Einstieg in den Tag. Ich hatte ja schon mehrmals angedeutet, wie sehr mir seit fast vier Jahren das Geschwafel über "den Terrorismus" auf die Nerven geht. Das ging schon mit Bushs Moscheen-Besuchen nach dem 9.11.01 los; die mögen damals ihre Gründe gehabt haben, verlogen waren sie allemal.
Zitat:
Die muslimische Frage V.Z. Das Echo der Londoner Anschläge ist die Begleitmusik der beginnenden Hauptverhandlung gegen den Mörder des Filmemachers van Gogh in Amsterdam. Tatsächlich handelt es sich um zwei Aspekte eines Problems. Zwar ist der Terrorismus der Al Qaida international, während man das Geschehen in Holland für ein nationales halten könnte. Doch in Wahrheit durchdringt beides einander, läßt sich weder ideell noch materiell entflechten. Europa ist sowohl Operationsbasis als auch Zielobjekt des islamistischen Dschihad. Zugleich gibt es in allen westeuropäischen Staaten beträchtliche - teils naturalisierte, teils mit immerwährendem Gaststatus ausgestattete, also recht- und pflichtarme - muslimische Minderheiten. Die Vereinigten Staaten, die zusammen mit Israel den erklärten Weltfeind der Islamisten bilden, führen die Auseinandersetzung mit ihnen und ihren Protektoren nach globalen Maßstäben und aus eigener Machtvollkommenheit - es geht kaum anders. Amerika hat selbst kein abgegrenztes muslimisches Minderheitenproblem, weil dort die religiösen Konflikte von denen der Hautfarbe überlagert werden. Europäische und amerikanische politische Perspektive sind also auch im Innern grundverschieden. Eine muslimische Frage gibt es nur in Europa. Die mörderische Entschlossenheit der Dschihadisten ist eine Antwort auf sie. Sie deutet die Muslime in Europa in eine Bürgerkriegsformation um und will sie in eine solche umwandeln. Sie richtet ihre Botschaften des Schreckens nicht zuletzt, sondern zuerst an die eigenen Leute. [...] Mit Entschiedenheit und vollem Ernst, mit Zug und Druck muß die Demokratisierung und Liberalisierung der muslimischen Minderheit vorangetrieben werden. Eine unerläßliche Voraussetzung dafür ist, sie organisatorisch ansprechbar zu machen. Die muslimische Minderheit muß vom demokratischen Staat her artikuliert werden. Sonst überläßt er sie den Wölfen. Text: F.A.Z., 12.07.2005, Nr. 159 / Seite 1 Edit: Als Generalthema definiert. Harki Von Harki am Sa, 13.10.2007, 18:19, bearbeitet, (1x) |
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wie sehr mir seit fast vier Jahren das Geschwafel über "den Terrorismus" auf die Nerven geht. De facto hilft alles Reden nichts und wir müssen mit einem gewissen "Anschlagsniveu" leben, wie die Spanier mit der ETA, die Briten mit der IRA, die Russen mit den Tschetschenen, die Israelis mit den Palästinensern oder Europa und Japan mit den Roten Brigarden in den 70ern. Dies wird so lange dauern, bis die Ideologie abstirbt. Wenn wir Glück haben, wird dies sein, abevor die Typen Atombomben haben
Zitat:
Mit Entschiedenheit und vollem Ernst, mit Zug und Druck muß die Demokratisierung und Liberalisierung der muslimischen Minderheit vorangetrieben werden. Eine unerläßliche Voraussetzung dafür ist, sie organisatorisch ansprechbar zu machen. Die muslimische Minderheit muß vom demokratischen Staat her artikuliert werden. Sonst überläßt er sie den Wölfen. Gerade der erste Satz hier einscheint mir als "Geschwafel". Zudem ist der Ansatz schwamming. Sollen die Moslems eine eigene Partei gründen? Die konkurrierenden Strukturen aufgeben und einen (echten) Zentralrat schaffen? Mir scheint, da wird die Ummah überschätzt. Nur der Heilige Krieg sorgt bei empfänglichen Gemütern für Gemeinschaft. Ansonsten unterscheidet sich der Golfaraber doch sehr vom Einwanderer aus Anatolien. Von frei_sein am Di, 12.7.2005, 10:36, bearbeitet, (1x) |
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frei_sein hat geschrieben:
De facto hilft alles Reden nichts und wir müssen mit einem gewissen "Anschlagsniveu" leben, wie die Spanier mit der ETA, die Briten mit der IRA, die Russen mit den Tschetschenen, die Israelis mit den Palästinensern oder Europa und Japan mit den Roten Brigarden in den 70ern. Dies wird so lange dauern, bis die Ideologie abstirbt. Wenn wir Glück haben, wird dies sein, abevor die Typen Atombomben haben ![]() Abgesehen von dem Nebenaspekt, daß Israel in beträchtlich geringerem Maße mit den Palis zu schaffen hätte, wenn es nicht das Josua-Buch zur Grundlage seiner Politik machen zu meinen müßte, behagt mir der Fatalismus dieser Bemerkung nicht so sehr. Man muß natürlich mit Anschlägen rechnen, aber das ist doch noch etwas anderes als "damit [zu] leben". Anschläge führen sich bekanntlich nicht selbst aus - und Terrorgruppen kann man bekämpfen. Wozu man natürlich rattige Dienste braucht, die zur Not auch mal am Rande oder außerhalb des formal Legalen operieren können, wenn es das Wohl des Staates geraten scheinen läßt. Und die hat das Ostfränkische Reich - im Gegensatz zum Westfränkischen - nicht.
Zitat:
Gerade der erste Satz hier einscheint mir als "Geschwafel". Zudem ist der Ansatz schwamming. Sollen die Moslems eine eigene Partei gründen? Die konkurrierenden Strukturen aufgeben und einen (echten) Zentralrat schaffen?
Mir scheint, da wird die Ummah überschätzt. Nur der Heilige Krieg sorgt bei empfänglichen Gemütern für Gemeinschaft. Ansonsten unterscheidet sich der Golfaraber doch sehr vom Einwanderer aus Anatolien. Ich vermute mal, er hat da an Sarkozys Wirbelaktion von 2003 (?) gedacht, in der er die verschiedenen Moslemorganisationen sozusagen mit dem Kanthaken genötigt hat, sich in einer Zentralvertretung zusammenzuschließen. Daß das allerdings der Stein der Weise ist, darf man bezweifeln. Einerlei, es scheint mir jedenfalls wichtig, die Moslems im Westen in irgendeiner Form für den aus ihren Reihen entstandenen Killer-Dschihadismus in die Pflicht zu nehmen. |
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Zitat:
Abgesehen von dem Nebenaspekt, daß Israel in beträchtlich geringerem Maße mit den Palis zu schaffen hätte, wenn es nicht das Josua-Buch zur Grundlage seiner Politik machen zu meinen müßte, behagt mir der Fatalismus dieser Bemerkung nicht so sehr. Naja in den Augen bestimmter Kreise (Hamas und Co.) ist das Pali Problem ja erst gelöst, wenn Israel verschwunden ist. Von daher bin ich da nicht allzu optimistisch. Fatalistisch war das ganze nicht gemeint. Zumindest nicht ausschließlich Ich bin sher dafür, daß gegen die terroristischen Gruppen vorgegangen wird. Blos denke ich, daß dies vorerst nicht zum Erfolg führen wird. Klar, ohne die Dienste hätten wir noch mehr Anschläge (Weihnachtsmart Straßburg, ...), blos alle Irren werden wir blos nie aufdecken. |
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frei_sein hat geschrieben:
Naja in den Augen bestimmter Kreise (Hamas und Co.) ist das Pali Problem ja erst gelöst, wenn Israel verschwunden ist. Von daher bin ich da nicht allzu optimistisch. Natürlich, diese Ansichten gibt es - und sie werden meiner Ansicht nach durch die israelische Politik (Mauerbau, Fortdauer der Zersiedelung des Westjordanlandes) durchaus gefördert. Man hört auch von Israelis, die gerne alle Araber "transferieren" möchten. Ich bin der Meinung, daß beide Gruppen einen Dachschaden haben.
Zitat:
Fatalistisch war das ganze nicht gemeint. Zumindest nicht ausschließlich Ich bin sher dafür, daß gegen die terroristischen Gruppen vorgegangen wird. Blos denke ich, daß dies vorerst nicht zum Erfolg führen wird. Klar, ohne die Dienste hätten wir noch mehr Anschläge (Weihnachtsmart Straßburg, ...), blos alle Irren werden wir blos nie aufdecken.Nein, das wird man sicher nicht können. Man sieht ja auch gerade an den jüngsten Meldungen aus London, wie tief das Killergedankengut offenbar in die breite Masse der islamischen Unterschichten eingedrungen ist. Es wird wirklich verdammt schwer werden, das unter Kontrolle zu bekommen. |
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In der FAZ hat es heute einen sehr interessanten Lerch-Artikel, der mich wieder einmal an der selbstgesetzen Norm verzweifeln läßt, hier im Sinne des Urheberrechtes keine ganzen Artikel einzustellen.
Zitat:
Vom "wilden" Islam
Am Terrorismus ist auch mangelndes religiöses Wissen schuld/Von Wolfgang Günter Lerch In der nicht gerade schmalen Literatur über den Islam ist oft zu lesen, diese Religion sei wenig hierarchisch und daher besonders flexibel und anpassungsfähig. [...] Muslime und westliche Autoren haben die lockere Struktur des Islams immer wieder als Vorteil dargestellt, nicht allein in bezug auf die Möglichkeiten einer Anpassung an gesellschaftliche Veränderungen, sondern auch im Hinblick auf dogmatische Verfestigungen. Als (negatives) Gegenbild mußte da immer die katholische Kirche herhalten. Der Islam sei, da er keine Kirche und nicht zentralistisch sei, viel offener für moderne Entwicklungen als der Katholizismus und insgesamt weniger von Dogmen und auch Zensur durchsetzt. [...] Brisanter ist, daß sich unter der lockeren "Organisation" des Weltislams in den vergangenen dreißig bis vierzig Jahren offenbar so etwas entwickelt hat wie eine "wilde" Theologie, deren das theologische Establishment (etwa in Ägypten oder Pakistan) nicht mehr Herr wird. Im Gegenteil: Aus der Al Azhar sind immer wieder Verlautbarungen etwa zum Terrorismus nach draußen gelangt, die bestenfalls halbherzig, meistens jedoch zwiespältig gewesen sind. Etwa im Fall der Selbstmordattentäter, die einmal (wegen der Selbsttötung) verurteilt, dann jedoch wieder als "Märtyrer" (wegen des Befreiungskampfes gegen die israelische Besatzung) gerechtfertigt, sogar gepriesen wurden. In der jahrzehntealten Bewegung des politisierten und ideologisierten Islams (Islamismus, Integrismus) fällt die große Anzahl sozusagen "wilder" Theologen auf. In Iran meldeten sich in den siebziger Jahren Soziologen und Schriftsteller in einer ideologisch-religiösen Weise zu Wort, die man kurz zuvor nicht für möglich gehalten hatte. Sie hatten entweder nie oder nur kurz förmliche theologische Ausbildungsstätten besucht. Dieses Phänomen setzte sich fort. In Ländern wie Ägypten oder in der Türkei wurde der Islamismus mehr von Ingenieuren, Lehrern, Soziologen, Philosophen und anderen Laien als von berufsmäßigen Schriftgelehrten popularisiert. Bin Ladin war Bauunternehmer. In Algerien traf dies ebenso zu wie in der europäischen Diaspora, wo das Engagement von Laien auch zur Gründung "wilder" Theologenschulen führte. Alle europäischen Länder mit hohem Muslim-Anteil haben heute mit "wilden" Korankursen zu kämpfen, in denen oft auf nicht eben hohem Niveau auch eine "wilde" Theologie gelehrt wird. In der islamischen Welt selbst wurde Pakistan zu einer Hochburg "wilder" Koranstätten, aus denen unter anderem die theologisch weitgehend ungebildeten Taliban als die vorläufig letzten Fanatiker eines veralteten Islams hervorgingen. Vor allem in Pakistan war durch einen Mann wie Abul Ala al Maudoodi (gestorben 1979), der nie richtig das klassische Arabisch erlernte und auch ein Laie war, der Boden dafür bereitet worden. In Pakistan kam hinzu, daß dieser Staat von Beginn an so etwas wie die Quadratur des Kreises ausführen sollte. Sein Begründer Muhammad Ali Djinnah, der weltlich dachte, wollte einen säkularen Staat, dessen Daseinssinn jedoch einzig der Islam war. Nur durch den Islam unterschieden sich die "Pakistaner" von den anderen Indern. Dieser Konflikt ist bis heute ungelöst, und seit den siebziger Jahren ist gerade Pakistan immer islamischer geworden, bis hin zur Gründung von Stätten einer "wilden" Theologie. In der europäischen Diaspora - und damit ist man bei den Attentätern von London - geht der Hinwendung zum Islamismus zunächst häufiger eine gewisse Entfremdung von der Religion voraus. Nach einiger Zeit kehrt man, unter welchen Motiven auch immer, zu ihr zurück und befaßt sich auf eigene Faust mit den Quellen des Islams, Koran und Hadith, die man allerdings nicht geschult aufnimmt, sondern in Form einer "wilden", oft sogar privaten Theologie, die über wesensmäßige Hintergründe und historische Gegebenheiten von Offenbarungsversen des Korans gar nichts weiß, sondern diese wörtlich nimmt. Es ist nicht unverständlich, daß die solcherart "Erweckten" leichter all jenen fundamentalistischen und dschihadistischen Gruppen und Interpretationen zuneigen, die moderatere Auslegungen ablehnen und die Religion zum politischen Kampfinstrument machen. Den besser ausgebildeten ulama kann man jedoch den Vorwurf nicht ersparen, daß sie allzulange auf der Welle des Islamismus mitschwammen, ja, dies noch heute tun. [...] Text: F.A.Z., 19.07.2005, Nr. 165 / Seite 10 Das blau Markierte läßt deutlich werden, daß der Islamismus eben genuin eine moderne, städtische Bewegung ist, auch wenn er sich in deutschen Großstädten gelegentlich mit dem Schamanismus des anatolischen Hochlandes verbindet. Das grün Markierte macht meiner Ansicht nach die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen Islamismus und Evangelikalismus (und ähnlichen modernen Fundamentalismen) geradezu mit Händen greifbar. |
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Harki hat geschrieben:
Das blau Markierte läßt deutlich werden, daß der Islamismus eben genuin eine moderne, städtische Bewegung ist, auch wenn er sich in deutschen Großstädten gelegentlich mit dem Schamanismus des anatolischen Hochlandes verbindet.
Das grün Markierte macht meiner Ansicht nach die strukturellen Ähnlichkeiten zwischen Islamismus und Evangelikalismus (und ähnlichen modernen Fundamentalismen) geradezu mit Händen greifbar. Und zu beiden, selbstverständlich miteinander verbundenen Aspekten hat es heute in der "Zeit" einen hochinteressanten Artikel, verfaßt von einem der führenden internationalen Islamismus-Experten:
Zitat:
Wiedergeboren, um zu töten
Der terroristische Islamismus ist keine traditionelle, sondern eine höchst moderne Glaubensrichtung. Sie wurzelt in Europa Von Olivier Roy Islamische Radikalisierung – wie wir sie in diesen Tagen in London und im Irak sehen – halten viele für eine Antwort traditioneller muslimischer Gesellschaften auf die Verwestlichung. Der Fundamentalismus wird gern mit einer islamischen Kultur gleichgesetzt, die sich dieser Verwestlichung verweigere. Dann folgt meist die Rede vom »clash of civilizations« oder »Kampf der Kulturen«. Diese Lesart ist falsch. Tatsächlich leitet sich die religiöse Erneuerungsbewegung, ob in ihrer fundamentalistischen oder spirituellen Form, eher aus der Entkoppelung von Religion und Kultur ab. Es geht also um eine Neubestimmung der Religion außerhalb der Kultur – angesichts der Globalisierung, welche die »traditionellen« Kulturen schwächt. Islamischer und christlicher Fundamentalismus entstehen nicht aus der Absicht, ursprünglichen Kulturen neues Leben einzuhauchen, sondern sind Ausdruck einer Kulturkrise in Zeiten der Globalisierung. Die Attentate von London bestätigen eine Erfahrung der vergangenen Jahre: Der islamische Radikalismus entwickelt sich vor allem in der zweiten Generation der jungen Muslime in Europa. Eine Form dieses Radikalismus, den man »Dschihadismus« nennen kann, ist eine pathologische Folge der Verwestlichung des Islams. Keineswegs hat er sich aus dem Export mittelöstlicher Konflikte nach Europa entwickelt. Bezeichnenderweise ist kein einziger Palästinenser, kein Afghane und kein Iraker unter jenen Terroristen zu finden, die auf internationaler Ebene arbeiten. Diese Gewalt rührt vielmehr aus einer generellen Umformung des Islams durch eine Reihe von äußeren Einflüssen: die Einwanderung in westliche Gesellschaften, das Dasein als Minderheit und der Import ausdrücklich westlicher Lebensweisen in muslimische Gesellschaften – sei es in der Wirtschaft, der Kultur oder der Religion. Die Theologie hat dem Dschihadisten nichts zu sagen, er glaubt unmittelbar Wie äußert sich dieser Fundamentalismus? In sehr modernen Formen von Religiosität, wie sie auch im Christentum zu beobachten sind. An zentraler Stelle steht das Phänomen des »born-again«, des Individuums, das seinen persönlichen Weg zum Glauben gefunden hat und mit dem überkommenen Glauben seiner Familie oder seines sozialen Umfelds gebrochen hat. Der Glaube wird auf individuelle Weise gelebt. Die Gesellschaft wird als zu weltlich, als diabolisch wahrgenommen, die etablierten Kirchen und religiösen Autoritäten werden durchweg misstrauisch betrachtet. Im Allgemeinen lebt der »Wiedergeborene« einen emotionalen und intellektfeindlichen Glauben fern theologischer Aussagen. Normen dagegen finden strenge Beachtung. Seine Gemeinschaft, die manchmal eher an eine Sekte als an eine Kirche erinnert, ist ein freiwilliger Zusammenschluss von Menschen, mit denen ihn das gleiche Verhältnis zum Glauben verbindet. So sind die neuen Formen der Religiosität im Islam wie im Christentum alles andere als liberal. Wenngleich nicht unbedingt gewalttätig, so sind sie doch zumindest sehr konservativ. [...] Diese Form des Islams hat zum Westen ein zwiespältiges Verhältnis. Der theologische Inhalt des Islams – über den in muslimischen Ländern diskutiert wird – ist dabei weitaus weniger wichtig als die religiöse Praxis. Diese ist in ihren fundamentalistischen Erscheinungsformen viel stärker »verwestlicht«, als es den Anschein hat. Die religiösen Formen des heutigen Islams finden sich so oder ähnlich auch im Katholizismus, im Protestantismus, selbst im Judaismus. Für die Gläubigen unserer Zeit steht vor allem der persönliche Glaube und die spirituelle Erfahrung des Individuums im Zentrum. Diese »Wiedergeborenen« leiten ihre Identität aus der Wiederentdeckung der Religion ab. [...] Auf der ganzen Welt verdammen die Wahhabiten oder Salafis und selbst die Tablighis die traditionellen Formen der Volksreligion wie Sufismus, Musik, Poesie, Literatur. Von Ägypten bis Bangladesch können Schriftsteller und Poeten nur selten ungehindert schöpferisch arbeiten, von Salman Rushdie einmal ganz abgesehen. Und allzu häufig beteiligen die angeblich laizistischen, aber sehr autoritären Regime von Ägypten bis Algerien sich an diesem Angriff auf die Kultur. Der Fundamentalismus ist folglich nicht das Aufbegehren bedrohter traditioneller Kulturen, sondern Ausdruck ihres Verschwindens. Deshalb darf man die modernen Formen des Fundamentalismus nicht mit einem Kampf der Kulturen verwechseln. Junge Menschen werden nicht fundamentalistisch, weil die westliche Zivilisation die Kultur ihrer Eltern ignorieren würde, sondern weil diese Kultur, die sie selbst übrigens eher geringschätzen, ihnen verloren gegangen ist. Die Religiosität der Fundamentalisten ist individuell und generationsgebunden, sie ist eine Rebellion gegen die Religion ihrer Eltern. »Hallal Fast Food« und islamischer Rap: Fundamentalismus wird global Ein paar Beispiele machen das deutlich. Viele junge Muslimas der zweiten Generation verschleiern sich nicht auf Befehl der Eltern, sondern um ihre Individualität zu betonen – gleichzeitig übernehmen sie feministische Parolen wie »Mein Körper gehört mir«. Der Fundamentalismus ist Konsequenz und Faktor der Globalisierung gleichermaßen: Die religiösen Merkmale – etwa das Hallal, die Bestätigung also, dass ein Lebensmittel den religiösen Vorschriften entspricht – werden von der Kultur der marokkanischen oder türkischen Küche getrennt, und damit kann man eine neue Kombination wie das »Hallal Fast Food« schaffen: So werden dann islamische Hamburger verkauft. Das Auftauchen von »Mecca Cola« in Frankreich ist ein weiterer klarer Hinweis auf diese Umdeutung des Religiösen in einer westlichen Kulturdomäne ohne Bezug zu den Ursprungskulturen. Dito der islamische Rap, der seinem amerikanischen Äquivalent an Aggressivität in nichts nachsteht. Bei dem spannungsgeladenen Verhältnis zum Islam im heutigen Europa handelt es sich demnach nicht um einen Konflikt zwischen »europäischen« und »orientalischen« Werten, sondern um eine innereuropäische Auseinandersetzung über die eigenen Werte: Sexualität, Ehe, Abstammung. Als Pim Fortuyn in den Niederlanden eine Kampagne gegen den zunehmenden muslimischen Einfluss lostrat, wollte er damit die neu errungene sexuelle Freiheit und besonders die Rechte der Homosexuellen verteidigen, nicht jedoch die traditionellen christlichen Werte. Buttiglione dagegen wurde vom Europäischen Parlament abgestraft, weil er – gerade im Namen christlicher Tradition – die Ablehnung von sexueller Befreiung und Feminismus verkörperte. Es überrascht nicht, dass bei den Themen Familie und Sexualität fromme Muslime in Europa und traditionalistische Christen oft die gleiche Position vertreten. Da liegt die Gemeinsamkeit der Fundamentalisten. Wenn viele Christen diese Allianz mit den Muslimen aber ablehnen, so tun sie das nicht um der gemeinsamen Werte willen, sondern sie verteidigen eine identitätsstiftende Vision des Christentums, die sich von den Kreuzzügen oder der Reconquista herleitet, mit den zeitgenössischen religiösen Formen dagegen nicht viel gemein hat. Warum aber lassen sich die islamischen Fundamentalisten eher zu Gewalt hinreißen als die Christen? Nicht im Koran liegt die Ursache, sondern in der Tatsache, dass die radikalislamischen Bewegungen sich gesellschaftliche Brennpunkte für ihre Expansion suchen. Die radikalen Gruppen finden ihre Anhänger da, wo die extreme Linke einst ihre Anhänger rekrutierte. Diese Linke ist längst verbürgerlicht, während in die früheren Arbeiterviertel viele Muslime gezogen sind. »Antiimperialistische« Bewegungen schließen die Bewohner vieler muslimischer Regionen ein. Ergebnis: Die Revolte gegen die etablierte Ordnung findet heute an vielen Orten im Namen des Islams statt. Zahlreiche junge Extremisten wie Mohammed Atta, Zacharias Mussawi und Kamel Daoudi wurden nicht in Ägypten oder Marokko, sondern in Hamburg, Marseille, London und Montreal »erweckt«; sie alle haben den Kontakt zu ihren Familien abgebrochen. Statt in ihren Heimatländern haben die jungen Radikalen in Bosnien, Tschetschenien, Afghanistan oder in Kaschmir gekämpft, denn in ihren Augen ist der Nahe Osten nicht das Herz einer von Kreuzrittern belagerten Zivilisation. Sie leben längst im Global Village und leiten ihre Identität nicht aus ihrer geografischen Herkunft ab. Die Ablösung des Linksextremismus durch den islamischen Radikalismus erklärt die wachsende Zahl von Bekehrten in allen in jüngster Zeit entdeckten radikalen Netzwerken. Einer der Terroristen von London ist ein zum Islam konvertierter Jamaikaner. Das Netzwerk Beghal in Frankreich bestand etwa zu einem Drittel aus Bekehrten. Bei den Ermittlungen zum Attentat gegen die Synagoge auf Djerba, Tunesien, nahm die Polizei einen Deutschen mit polnischem Namen fest. Richard Reid, der Terrorist, der versuchte, ein britisches Flugzeug in die Luft zu sprengen, José Padilla, dem vorgeworfen wird, in den USA einen Anschlag mit einer »schmutzigen« Bombe vorbereitet zu haben, und John Walker Lindh, der amerikanische Talib: Sie alle sind Bekehrte. Die radikale und gewalttätige Linke hat sich von den gesellschaftlichen Randzonen abgewendet. Ein Beispiel liefert die Terrorgruppe von al-Sarqawi im Irak, welche die Exekution von Geiseln im Irak blutig in Szene setzt. Dieses Vorgehen stammt mitnichten aus einer islamischen Tradition, sondern aus der Inszenierung der italienischen Roten Brigaden bei der Entführung und Ermordung des Ministerpräsidenten Aldo Moro. Die Barbarei umspannt die ganze Welt. Ihre Suche nach mythischen, messianischen und transnationalen Befreiungsbewegungen ist gleich geblieben wie auch ihr Feind: der allmächtige amerikanische Imperialismus. Nicht die Geschichte der westlichen Welt oder des Nahen Ostens hat sie hervorgebracht, sondern die Verschmelzung aller Geschichte und die Globalisierung. Ihr Zuhause ist eine aus den Fugen geratene Welt. Olivier Roy ist Forschungsdirektor am Centre National de la Recherche Scientifique (CNRS) und unterrichtet an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales und an der Sciences Po in Paris. Er ist Verfasser des Buches »L’Islam mondialisé« (Le Seuil 2002) Aus dem Französischen von Elisabeth Thielicke (c) DIE ZEIT 21.07.2005 Nr.30 http://www.zeit.de/2005/30/Islamismus Ich würde dem gar nicht in allen Punkten zustimmen - vor allem "entschärft" er den Islam meiner Ansich nach doch ganz beträchtlich, wenn er seiner simplizistischen Grundsubstanz jeden Einfluß auf das Entstehen des Dschihadismus abspricht und wenn er ferner den der immerhin mentaliätenstiftenden Einfluß der regionalen islamischen Kulturen sogar rundheraus bestreitet. Grundsätzlich aber hat er recht: Islamismus ist ein modernes Phänomen, Islamisten sind in der Regel junge Leute, die mit dem Westen und/oder seiner Kultur in Berührung gekommen sind. Das ist übrigens im russischen Nordkaukasus genauso: Die "Wahabiten" dort sind alles junge Leute, die früher westliche Musik gehört und gesoffen haben und sich dann - zum Entsetzen ihrer Eltern - in einer Lebenskrise dem Islamismus zugewandt haben. Weibliche Islamisten: Man beachte einmal, wie peinlich genau im "Muslim-Markt-Board" und anderswo immer von "Brüdern und Schwestern" die Rede ist. Völlig klar, daß da keine Dorf-Heinis sprechen, sondern Leute, die westlich-modern sozialisiert worden sind. Noch zu Olivier Roy, vielleicht zur begütigenden Einschränkung und als Hinweis darauf, daß auch Experten keine Hellseher sind: der hat 1996 ein Buch mit dem Titel "The Failure of Political Islam" veröffentlicht. Da hatte er vor allem auf den bescheidenen Erfolg der Regime im Sudan und im Iran verwiesen. Richtige Analyse, falsche Prognose, jedenfalls bis auf weiteres - so geht das eben. Von Harki am Do, 21.7.2005, 11:54, bearbeitet, (1x) |
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Eine statistische Untersuchung zu den Herkunftsländern der Dschihadisten, über die heute in einem interessanten Artikel in der FAZ berichtet wurde, bestätigt Roys Thesen, meine ich: Die meisten haben sich lange Zeit in Europa aufgehalten oder haben sogar einen europäischen Paß. Erwartungsgemäß sind überdurchschnittliche viele Konvertiten darunter.
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Dieser Artikel bestätigt den Verdacht, daß der Islamismus von Eiferern und Proselyten getragen wird, die ihre eigene Annäherung an den Westen wiedergutmachen wollen. Ehemalige Säufer wie Bin Laden (und wohl auch Sarkawi) müssen sich beweisen, und auch die Studenten im Westen haben ja oft erst einen lockeren Lebensstil gepflegt bis sie auf den Bart gekommen sind. Daß Konvertiten als "Überläufer" auch exponiert sind erscheint logisch, und erinnert an den Fall von diesem Deutschen der in Israel aufgegriffen und verurteilt wurde.
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frei_sein hat geschrieben:
Daß Konvertiten als "Überläufer" auch exponiert sind erscheint logisch, und erinnert an den Fall von diesem Deutschen der in Israel aufgegriffen und verurteilt wurde. Ja, Schtieven Schmürek, den haben se ja gleich am Ben-Gurion-Flughafen abgegriffen und eingebuchtet.
Nun, für mich persönlich liegt hier das Unheimliche darin, daß mir diese Typen nicht auf Anhieb unsympathisch sind. So bescheuert das - auch nachdem, was ich sonst so über die Burschen gesagt habe - klingt, empfinde ich so eine Figur als weniger fremdartig als die hunderttausenden von Schlichtmenschen, die nach so einem Attentat furchtbar mitleidend und aufgeregt sind. Ich kenne/kannte einige Leute, die psychologisch zumindest ähnlich strukturiert sind wie Smyrek, und das sind nicht die ekeligsten Zeitgenossen, die so herumlaufen. Wirklich nicht. Ich will hier gar nicht im moralischen Sinne verteidigen - ich meine, daß man Smyrak und ähnliche Vögel unschädlich machen muß. Aber ich bekomme nicht das Kotzen, wenn ich die sehe. Und das will schon was heißen.
Möglich, daß das die altbekannte Faszination des Bösen ist. Für die Schmuddel-Typen, die die Anschläge in Madrid organisiert haben, habe ich bestimmt kein Verständnis. Es kommt eben immer ganz wesentlich auf die Optik der Leute an. |
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Noch mehr Statistik, diesmal aus dem Daily Telegraph und eigentlich auf England bezogen - sie paßt aber wohl besser hier hinein als in den Londinium-Thread. Wenn sie solide verfertigt ist, und davon kann man wohl ausgehen, fügt sie sich gut ins Bild: Die große Mehrheit der Moslems in England möchte vor allem ihre Ruhe habe und sich in der westlichen Gesellschaft halbwegs integriert vor sich hin leben - wie "große Mehrheiten" immer und überall. Aber es gibt ein ganz erhebliches Potential, ganz grob gerechnet ein Viertel, daß sich von der englischen Gesellschaft entfremdet hat, und zwar teils auf erschreckende Weise.
Zitat:
One in four Muslims sympathises with motives of terrorists
By Anthony King (Filed: 23/07/2005) The group portrait of British Muslims painted by YouGov's survey for The Daily Telegraph is at once reassuring and disturbing, in some ways even alarming. The vast majority of British Muslims condemn the London bombings but a substantial minority are clearly alienated from modern British society and some are prepared to justify terrorist acts. The divisions within the Muslim community go deep. Muslims are divided over the morality of the London bombings, over the extent of their loyalty to this country and over how Muslims should respond to recent events. Most Muslims are evidently moderate and law-abiding but by no means all are. YouGov sought to gauge the character of the Muslim community's response to the events of July 7. As the figures in the chart show, 88 per cent of British Muslims clearly have no intention of trying to justify the bus and Tube murders. However, six per cent insist that the bombings were, on the contrary, fully justified. Six per cent may seem a small proportion but in absolute numbers it amounts to about 100,000 individuals who, if not prepared to carry out terrorist acts, are ready to support those who do. Hier geht's weiter |
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Ein interessanter Artikel im Courrier International referiert, gestützt auf die saudische Presse, eine interessante inner-saudische Debatte: Darf man/soll man die Nationalfahne grüßen (so die "Progressisten") oder darf man es nicht, weil das Götzendienst wäre (so die Hüter der strengen wahabitischen Lehre). Kann man also mit saudischem Nationalismus den dschihadistischen Terrorismus bekämpfen? Andererseits hat der Wahabismus das Seine zur Überwindung oder zumindest Eindämmung des Tribalismus der Beduinengesellschaft getan - könnte Saudi-Nationalismus das gleiche leisten?
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In der neuen "Zeit" eine interessante Fallstudie:
http://www.zeit.de/2005/31/Selbstmordatt_?page=1 Zusammenfassung: Ein Tunesier kommt nach Deutschland, um Fußballprofi zu werden, schafft das nicht und fängt daher an, den Westen so sehr zu hassen, daß er alle umbringen möchte. Zumal ihm auch noch seine Frau weggelaufen ist. Das ist natürlich ein ans Herze greifendes Schicksal, und es ist ohne Zweifel überzeugend, wenn die "Zeit" das als "hausgemachten" Terrorismus bezeichnet. |
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Des weiteren empfiehlt die Zeit, den moslemischen Einwanderern besondere Hege und Pflege angedeihen zu lassen, um so den Terrorismus zu bekämpfen:
Zitat:
Wenn bin Laden die europäischen Muslime umwirbt, dann versucht er, Europa zu spalten. In Westeuropa wächst der Anteil der Muslime an der Bevölkerung, sie sind Teilhaber in der EU. Es muss Europäer deshalb interessieren, ob Muslime hier erfolgreich werden. Wie das geht? Die EU-Staaten sollten ihre Muslime gezielt fördern. Europäer und nicht saudische Stiftungen müssen islamischen Religionsunterricht gestalten. Sie, nicht türkische Ministerien sollten Lehrstühle für islamische Theologie anbieten. Dazu Stipendien, Lehrgänge, Kleinkredite. http://www.zeit.de/2005/31/01___leit_1_31?page=2
Richtig, man hätte den tunesischen Fußballspieler im Training niemals so hart anfassen dürfen, sondern hätte ihm Lehrgänge anbieten müssen. |
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Neulich habe ich einen Artikel gelesen, daß eingewanderte Muslime durchschnittlich erfolgreicher sind als die eingesessene Bevölkerung. Ich bin mir sicher, daß dies nicht damit zusammenhängt, daß Muslime in Amerika besonders staatlich gefördert werden, oder Religionsunterricht bekommen oder sonstwas. Einerseits dürfte es damit zusammenhängen wer einwandern darf und andererseits damit, daß es eben keine Förderung des Nichterwerbstätigen gibt. Wer in Deutschland dank 6 Kindern plus Ehefrau auch mit Sozialhile Mercedes fahren kann, hat ja nicht die Anreize groß arbeiten zu gehen.
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